10.05.2012 –519–

Marxer hatte, nachdem er in seltener Beschwingtheit erwacht und aufgestanden war, schon im Bad seine Frauenkleider angezogen. Vorher natürlich sorgfältig schminken, „aufbrezeln“ nennt es die Damenwelt, das gehört dazu und, Teufel, es bereitete Marxer immer größeres Vergnügen, auch wenn er nach wie vor nicht wusste, wozu ein Lidschatten gut sein sollte, wenn er Schatten um die Augen haben wollte, trank er einfach am Abend vorher sieben Pils und zwei Wodka, das machte mehr Spaß.

An besagtem Abend zuvor jedoch hatte er, in Ermangelung seiner Geliebten Annamarie Kainfeld, ganze zwölf Pils und sieben Wodka konsumiert – und zwar, NACHDEM er aus der „Bauernschenke“ zurückgekehrt war, wo schon neun Pils und drei Wodka auf seinem Deckel gestanden hatten. Somit befand er sich in einem höchst kreativen Zustand, einem Zustand, in dem sich sein geistiges Eigentum geradezu selbsttätig vermehrte, als stecke es gerade in der spanischen Immobilienblase, der griechischen Bankenblase oder der amerikanischen Immobilienbankenblase. Schön; man würde ihn wieder einmal gnadenlos bestehlen. Tat man immer. Er war der Goethe der Kriminalliteratur des 21. Jahrhunderts, man bediente sich schamlos an seinen Ideen. Also mussten immer wieder neue her – und die, die ihm im Zustande kreativer Trunkenheit zugefallen war, war nun die beste, die unstehlbarste ever, wie er selbst jetzt, da er den Lidschatten nachzog, das Rouge auf seine Wangen tupfte, den Lippenstift über die Lippenwülste kreisen ließ, mit größter Genugtuung feststellte. Oh, beinahe hätte er vergessen, sich die Schamhaare zu rasieren.
Frausein. Das war es! Man musste Frau sein, dann war das Leben einfach leichter, beschwingter, spannender! Jedenfalls wenn man Krimis schrieb. Schon häufig war es Marxer bitter aufgestoßen, dass sich die Frauen in der Kriminalliteratur breitgemacht hatten. Oh, er hatte nichts dagegen, wenn sich Frauen breit machten, aber das hatte er sich irgendwie anders, praktischer, konkreter vorgestellt. In der Kriminalliteratur war es nur noch nervig und im höchsten Maße ungerecht! Wer räumte die Krimipreise ab? Wer wurde zuverlässig mit den euphorischsten Kritiken umschmeichelt? Wer wälzte sich nackt und unansehnlich auf Protestplakaten gegen die Verletzer des Urheberrechtes? Frauen! Okay, auch einige Männer. Alibimänner, was sonst!
Mit Argumenten, gar mit ehrlicher männlicher Krimiarbeit konnte man dagegen nicht angehen, da war schon die Frauenkrimimafia vor. Also: Schlag sie mit ihren eigenen Waffen, Marxer, werde zur Frau! Er war ja praktisch eine. Wenn er nur noch lernen würde, souveräner auf High Heels zu laufen…Krießling-Schönefärb war ein Naturtalent, der konnte das. Doch er, Marxer, würde es auch noch lernen. Einen Frauennamen hatte er sich bereits ausgedacht: Emily Pluster. Klang gut. Er würde Emily Pluster als zwar emanzipatorisch interessierte, dabei aber exotisch-erotische Autorin aufbauen, als eine Frau, die sowohl in den Wüsten der feministischen Theorie als auch in den Feuchtgebieten der femininen Praxis zu Hause war, ein Vollweib mit akademischem Hintergrund, sozusagen, damit konnte man sämtliche Zielgruppen spielend abdecken.
Fehlte ihm nur noch ein Plot für Emily Plusters ersten Kriminalroman, eine Mischung aus Patricia Highsmith und diese Frau da, die immer Bestseller schrieb, wenn sie entweder 20 Kilo abgenommen oder 20 Kilo zugenommen hatte. Aber was war schon ein Plot! Siebzehn Pils und sechs Wodka und die Plots würden Schlange stehen in seinem Kurzzeitgedächtnis.
Es klingelte an der Tür, aufgeregte Stimmen waren zu hören, darunter die der Geliebten. Marxer prüfte noch einmal sein Styling im Spiegel. So sah sie aus, Emily Pluster, die Schöne, die Geheimnisvolle. Er würde sich hinter einem Schleier fotografieren lassen, Emily Pluster, 36 (höchstens), lebt als alleinerziehende Mutter zweier Töchter am Tegernsee. Er grinste. Nur das mit Lidschatten, das kriegte er einfach nicht auf die Reihe.

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