09.05.2012 –518–

Irgendwie kam ich mir wie inmitten eines Shitstorms vor. Okay, das sagt man jetzt so im Internet und eigentlich bedeutet das ganz etwas anderes, aber wie soll man es sonst nennen, wenn jemand den großen Trouble-Ventilator angeworfen hat und einem die Scheiße nur so um die Ohren weht? Natürlich, man kann auch gegen sich selbst einen veritablen Shitstorm inszenieren, zum Beispiel wenn man sich öffentlich zu Themen äußert, von denen man partout keine Ahnung von einem Schimmer hat. Blogs etwa, wenn man selber seit Jahren wie Falschgeld im Internet zirkuliert. Aber okay, lassen wir das. Feststand: Es brodelte, es wehte, es stürmte. Ich musste handeln.

„Oh je“, sagte Annamarie Kainfeld, „und was tun wir jetzt?“ Auch gute Fragen bringen einen nicht immer weiter. Ich kam zu dem Schluss, dass die berserkenden Bild- und Männerhauerinnen von Großmuschelbach in Polizeigewahrsam zunächst am besten aufgehoben wären, Irmi jedoch, die arme alte Irmi, dort ohne ihren Eierlikör keinen ganzen Tag lang überleben würde. „Also auf zu Irmi“, sagte meine Sekretärin. Und schon hatten wir das Büro verlassen.
„Ach du granatenmäßige Scheiße“, begrüßte uns Borsig am Eingang zur Herrenoberbekleidungsabteilung, nicht nur einem Ungetüm von Wort, sondern auch die Hölle für alle wahren Männer. „Irmi steht noch immer da mit dem Messer in der Hand, sie tut so, als trage das die modebewusste Dame jetzt als Accessoire der Saison. Die Verkäuferin lässt sie nicht aus den Augen. Sie ahnt schon, dass hier was nicht stimmt. Der Killer mit dem Regenschirm ist noch in der Umkleidekabine, der kommt anscheinend nicht mehr raus. Irgendwie habe ich dabei kein gutes Gefühl.“
Hatten wir alle nicht. Die Szene entbehrte nicht einer gewissen Komik. Irmi wechselte das Messer von der Rechten in die Linke, von der Linken in die Rechte, lächelte dabei. Schon bizarr, bizarrer aber noch, dass das Messer voller Blut war und auch Irmis Hände inzwischen voller Blut waren. Wir nickten ihr aufmunternd zu, sie nickte uns aufmunternd zurück. Die Verkäuferin sah aus, als tobe in ihr schwerstes Nachdenken.
„Pass auf“, sagte ich zu Borsig, „ich lenke die Verkäuferin ab, du gehst unauffällig zur Umkleide und schaust nach unserem Killer. Wenn er sich in dem Zustand befindet, in dem wir beide ihn wähnen, kommst du pfeifend wieder raus und machst die Fliege. Wir treffen uns bei Marxer. Nichts anfassen.“ Zu Annamarie Kainfeld sagte ich, sie solle sich um Irmi kümmern, schauen, dass die das Messer loswerde, am besten in die Handtasche damit. „Iiiih“, machte Annamarie, „da ist doch Blut dran!“ Wusste ich. Aber etwas musste geschehen. Irmi befand sich augenscheinlich in einem Schockzustand, sie war unfähig sich zu bewegen, unfähig, das Messer verschwinden zu lassen. Ich atmete kräftig durch und näherte mich der Verkäuferin.
„Hallo“, sagte ich. Sie war irritiert. Ein Kunde, der von sich aus eine Verkäuferin anspricht? Entweder pressierte es wirklich mit den neuen Klamotten, der Typ war verrückt oder total notgeil. Irgendwie machte ich letzteren Eindruck, denn die Dame rümpfte hör- und sichtbar die Nase, sie war, wie die Queen zu sagen pflegt, not amused über die Störung.
„Hallo“, sagte ich noch einmal, „mein Name ist Moritz Klein, ich bin der Bundesbeauftragte für Bürgerglück und mache gerade eine PR-Aktion. Sie haben drei Wünsche frei. Welche wären das?“ Sie sah mich an wie man eine gute Fee ansieht, die einem gerade mitteilt, man habe drei Wünsche frei. „Ist das ein Shitstorm oder was?“ fragte sie pikiert, betrachtete mich dabei aber genauer. „Hm, ja stimmt, ich kenne Sie aus den Medien. Sie sind tatsächlich dieser Glücksbeauftragte.“
Für einen Moment hatte sie Irmi vergessen, in ihr arbeitete es. Drei Wünsche? Ich sah im Augenwinkel, wie Borsig zu den Umkleidekabinen schlenderte und Annamarie Kainfeld sich mit geöffneter Handtasche Irmi näherte. Mein Plan schien aufzugehen.

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2 Antworten zu 09.05.2012 –518–

  1. Jürgen Priester schreibt:

    Shitstorm, Trouble-Ventilator – du kennst aber komische Wörttches 😀

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Ich kenne noch viel mehr. Meine Anwälte raten aber von einer Veröffentlichung ab…

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