08.05.2012 –517–

Man musste flexibel sein. Als Speichel Rüchel hinter dem Killer mit dem Regenschirm hatte hinterher schleichen sehen, war ihm klar, dass diese Runde an den anderen gehen würde. Zunächst war er wütend, doch das legte sich schnell. Man lebte schließlich in einer Welt, die sich schneller wandelte als ein FDP-Politiker. Menschen mussten damit rechnen, jeden Tag einen neuen Beruf zu erlernen, in drei Jobs gleichzeitig ihr Existenzminimum zu verdienen, in Fußgängerzonen mit kostenlosen Koranausgaben, Getränkegutscheinen für Abiturientenbälle oder Warnungen vor Piratenparteien beglückt zu werden. Flexibilität eben, so lautete das Zauberwort des 21. Jahrhunderts.

Also überließ er den Job Rüchel, es war sowieso ein recht anspruchsloses Unterfangen und er würde morgen in der Zeitung lesen können, wie sich der Konkurrent aus der Affäre gezogen hatte. Lieber spazierte er zu Marxers Villa, wo es einen weitaus wichtigeren und intellektuell höherwertigen Job zu erledigen gab. Für Marxer hatte er sich eine ebenso spektakuläre wie langwierige Sterbeart ausgedacht: verhungern. Die Idee war ihm beim Passieren eines Werbestandes der Piratenpartei gekommen. Marxer verdiente sein Geld als Schriftsteller, richtig? Er war ein Kreativer – oder glaubte es zu sein. Man bezahlte ihn für geistige Leistungen, sicherte ihm ein Urheberrecht auf diese Leistungen zu, richtig? – Für einen Moment war er aus dem Konzept gekommen, als er an einer Gruppe nackter Kriminalschriftstellerinnen und –schriftsteller vorbei kam, die sich, vor Kälte bibbernd, im Schaufenster einer großen Buchhandlung drapiert hatten, um so gegen die Verletzung des Urheberrechts, die Geiz-ist-geil-Mentalität zu protestieren. Genau, dachte Schmeichel. Man musste Marxer seine Rechte einfach nehmen, dann bekäme er keine Tantiemen mehr und müsste verhungern, denn Autoren sind zu keiner anderen Erwerbsarbeit fähig und zu stolz, um staatliche Transferleistungen anzunehmen. Außerdem gibt es für Autoren keinen schöneren Tod als den durch radikale Verelendung. Wer nämlich Hungers stirbt, wird nach seinem Ableben garantiert weltberühmt. Und nur darauf kommt es diesen Typen an, wusste man doch.
Inzwischen vor der Villa angekommen, sucht sich Schmeichel ein windgeschütztes, diskretes Plätzchen. Kaum fünf Minuten wartet er, da kommt diese Russin oder was sie auch immer sein mag aus der Tür, scharfe Braut, wenn man ein Testosteronjunkie ist. Sie geht wahrscheinlich einkaufen. Noch kann ihr Marxer Haushaltsgeld geben und ein Gehalt zahlen, aber bald – Schmeichel grinst – nicht mehr. Hm. Die Sache mit dem Kleingeld, das wie von Zauberhand vom Markt verschwindet. Ob dafür auch diese Piraten verantwortlich sind? Er versteht zu wenig von diesen Dingen, sie interessieren ihn auch nicht sonderlich. Politik eben. Er kümmert sich um Größeres, um Leben und Tod, um die allerletzten Dinge also. Einer muss ja die Drecksarbeit machen.
Saukalt, denkt Schmeichel. Der Plan mit dem Verhungern will ihm immer weniger behagen, zu aufwendig alles. Er bekommt schlechte Laune. Warum steht er eigentlich hier? Die Russin ist mit ihren Einkäufen längst wieder zurückgekommen, nicht anzunehmen, dass Marxer und Krießling-Schönefärb das Haus verlassen. Und wenn, dann nur in Frauenkleidern. Hm. Frauenkleider…
Die Typen vorhin in der Fußgängerzone, die den Koran verteilt haben… sahen ziemlich übel aus mit ihren langen Bärten. Sie sollen ja keine Frauen mögen, die keine Ganzkörperburkas tragen… Marxer und Krießling-Schönefärb brezeln sich auf wie Flittchen… und sind gar keine Frauen… Wenn man jetzt den Jungs einen Tipp zukommen ließe… hört mal, da laufen Kerle in Frauenkleidern rum und daheim benutzen sie eine Ausgabe des heiligen Buches als Untersatz, damit das Bett nicht wackelt, auf dem sie Unzucht miteinander treiben… gäbe es bessere Gründe für eine spontane Steinigung? Würden doch auch die Nazis verstehen… die könnte man natürlich auch anspitzen… Hm, hm… Schmeichels Gehirn arbeitete wie ein Präzisionswerkzeug.

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