07.05.2012 –516–

Es hätte ein erfreulich träger Nachmittag werden können. In die Wintersonne blinzeln, die ans Fenster pochte, um „Hallo“ zu sagen, von Annamarie Kainfeld mit Kaffee versorgt werden, während man, im Vorgriff auf den Karibikurlaub diesen Sommer, über die flachen Gewässer des Internets surft. Hätte, könnte, Pustekuchen. Als ich mich gerade bei den Versuchen der FDP, doch wieder die Fünfprozenthürde zu schaffen, amüsierte, erreichte mich ein aufgeregter Anruf Borsigs.

„Tolle Scheiße“, stöhnte der kleine Mann, „meine Mädels sitzen in der Tinte. Haste auch die vielen Krankenwagen vorhin gehört?“ Hatte ich. „Die sind wegen meiner Mädels unterwegs gewesen, Großeinsatz Großmuschelbach. Wäre nebenbei auch ein geiler Titel für ne neue Vorabendserie bei der ARD, die schrecken inzwischen ja vor gar nichts mehr zurück. Also – die sind zu ner Massenschlägerin in Großmuschelbach, und drei Mal darfst du raten, wer die angezettelt hat.“
Ich riet nur einmal: Borsigs Mädels natürlich. „Oh ja“, bestätigte der. „Zuerst haben sie Regitz und den dicken Fotografen aufgemischt. Irgendwas mit Rippenbrüchen, Nierenquetschungen und garantierten posttraumatischen Störungen. Dann die beiden Knalltüten vom BND. Dann ein Rudel Raver, das sich ihnen in den Weg stellen wollte. Mann, müssen die am frühen Morgen schon dicht gewesen sein, sich meinen Mädels in den Weg zu stellen! Tja, und dann ist die Sache irgendwie aus dem Ruder gelaufen, jeder gegen jeden und alle gegen meine drei Mädels.“
Ich notierte es mir innerlich: Einfach Massenschlägerei anzetteln, schon hat man genügend mediale Aufmerksamkeit. Merk dir das, FDP! Herr Rösler holt aus und poliert vergnügt jede Fresse, die bei drei nicht auf den Bäumen ist. Das bringt 0,2 Prozent aller deutschen Wählerstimmen. „Und nun?“ fragte ich.
„Na, sie sind festgenommen worden, meine Mädels. Zwölf Bullen legen zwölf Krankenscheine für die nächsten mindestens vier Wochen, im Krankenhaus haben sie vorübergehend eine eigene Bullenpflegestation eingerichtet.“ Ach du Scheiße. „Und nun?“ fragte Borsig seinerseits und erwartete allen Ernstes eine Antwort von mir. „Ich kümmere mich drum“, versprach ich, ohne allen Ernstes zu wissen, wie das gehen sollte. „Bleib du deinem Killer auf der Spur. Was macht Irmi?“ „Die hat den Burschen fest im Blick“, informierte Borsig. Wie sich sogleich herausstellte, lag er damit völlig verkehrt. Nein, noch verkehrter.
Ich widmete mich wieder dem Trockensurfen, der digitale Wind trieb mich nach Frankreich, wo Sarkozy plötzlich feststellte, es seien zu viele Ausländer im Land und zu viele Wähler bei den Ganzrechten und dass man das irgendwie verbinden könnte… Synergieeffekte eben, Win-Win-Situation. Da klingelte wieder das Telefon, jemand keuchte hinein.
„Ja, hallo?“ „Ich bins“, sagte Irmi. „Also… du wirst es nicht glauben, aber ich hab grad so ein Ding, so ein kleines Messer, also das was die haben, wenn sie einem den Blinddarm rausholen, in der Hand, und da ist Blut dran.“ „Am Blinddarm?“ fragte ich dumm. „Quatsch“, antwortete Irmi nicht dumm, „an diesem Stilett oder Skalpell oder wie das heißt. Hat mir einer in die Hand gedrückt.“ „Aha. Und dabei hast du dich geschnitten?“ „Quatsch“, wiederholte sich Irmi, „da war das Blut schon dran, als er es mir in die Hand gedrückt hat.“ „Er hat dir das Blut in die Hand gedrückt?“ „Quatsch“ – irgendwie mochte Irmi dieses Wort – „er hat mir das Messer in die Hand gedrückt und dann war er auch schon weg.“ „Er?“ „Ja, der Mann.“ „Und der hat geblutet?“ „Quatsch. Der hat mir das Messer in die Hand gedrückt und das hat geblutet, Quatsch, du machst mich ganz irre. Komm bitte sofort vorbei und reiß mich hier raus, die Verkäuferin guckt schon ganz komisch und ich denke, irgendwas ist hier furchtbar schiefgelaufen.“ Eine innere Stimme kicherte und flüsterte mir ganz im Vertrauen zu, dies sei die Untertreibung des Jahres.

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