06.05.2012 –515–

Das Skalpell, doch nicht das Jagdmesser. Als Killer verfügte Rüchel über eine hinreichende Auswahl an professionellem Handwerkszeug. Mit dem Skalpell zu arbeiten, das war die hohe Kunst des Messermordes, das war wie eine Operation am offenen Herzen gewissermaßen, nur mit dem Unterschied, dass am Ende nicht das Leben, sondern der Tod wartete. Ein Originalskalpell, natürlich. Rüchel hatte es anlässlich der Ermordung eines Chirurgen in dessen Nachlass entdeckt und mitgenommen, ein bereits eingearbeitetes Werkzeug, das er allerdings selbst noch nie benutzt hatte. Es wäre heute also eine Premiere – und Rüchel freute sich darauf.

Er hatte sich unauffällig ein paar Klamotten von den Stangen und Ständern gezogen (was für eine sexuell unterfütterte Sprache man doch in Herrenoberbekleidungskreisen verwendete, pfui Teufel!) und war damit in die Kabine gegangen, die neben der lag, in der sich der Mann mit dem Regenschirm seufzend und in sein Schicksal ergeben umzog. Die Verkäuferin war wirklich Spitzenklasse, er hätte keine bessere treffen können. Die ältere Dame stand irgendwo in der Kulisse und verfolgte das Schauspiel mit Erstaunen. Sollte sie. Bald würde sie über etwas ganz anderes ins Staunen kommen.
Das Kaugummi, das er vorsichtshalber in den Mund geschoben hatte, brauchte er nicht. In den Umkleidekabinen gab es keine versteckten Kameras, deren Objektiv man mit einem Stück Kaugummi verkleben musste. Nicht überall war ALDI, nicht überall guckten Kaufhausdetektive ihren Kundinnen unter den Rock oder in den Ausschnitt. Vielleicht lohnte es sich hier auch nicht. Jetzt stand er in der Kabine und zog sich langsam aus, bis auf die Unterwäsche. Nahm die Kaufhausklamotten und zog sie an, sie passten leidlich, aber das war unwichtig. Natürlich hatte er vorher Handschuhe angezogen. Musste gar nicht gesondert erwähnt werden. Er legte ein Ohr an die Trennwand, hörte wie der Killer mit dem Regenschirm ächzend in eine wahrscheinlich viel zu enge Jeans schlüpfte. Man müsste dafür Schuhlöffel in den Kabinen aufhängen.
Das Skalpell. Hm, lag gut in der Hand. Den Vorhang ein wenig zur Seite schieben, über den Flur schauen. Keiner hier. Alle anderen Kabinen außer der seinen und der des Regenschirmmannes leer. Perfekt. Er machte einen Schritt hinaus, zog den Vorhang der Nachbarkabine auf, wo der Mann mit dem Regenschirm halb gebückt dastand und sich bemühte, die Jeans über seinen Hintern zu ziehen. Er keuchte, er hatte einen roten Kopf, den wandte er überrascht Rüchel zu, dem Störenfried. Wollte er protestieren? Entrüstet fragen, was der Fremde in der Umkleidekabine zu suchen habe? Oder erkannte er Rüchel und wusste, dass dies sein Ende sein würde?
Rüchel hatte keine Zeit für solche Fragen und noch weniger, sie zu beantworten. Er stach zu. Ein wenig schräg nach oben unter das Herz, Blut trat aus, es gab ein paar Spritzer auf Rüchels Shirt, aber war ja gar nicht seins. Der Mann mit dem Regenschirm fiel sofort nach hinten, knallte mit dem Kopf gegen die Wand der Kabine. Rüchel schaute zufrieden. Exitus. Der Schirm lehnte an der Seitenwand, gerne hätte ihn Rüchel als eine Trophäe mitgenommen, aber war zu gefährlich. Er verließ die Kabine, ging in seine zurück, zog sich rasch um, ließ die gebrauchten Kleider achtlos auf dem Boden liegen.
Ganz in aller Ruhe hinausschlendern. Es war nicht viel los im Geschäft, die Verkäuferin wartete mit vier paar Hosen, ein paar Jacketts und einem geschätzten Halbdutzend piekfeiner Hemden auf ihren Kunden. Die Alte stocherte lustlos im Sonderangebot T-Shirts, auch sie wartete. Rüchel ging auf sie zu, kaute sein Kaugummi. „Könnten Sie bitte mal halten?“ flüsterte er der Alten zu und drückte ihr dabei das Skalpell in die Hand. Ja, war schade, aber er musste sich davon trennen. Er arbeitete niemals zweimal mit derselben Waffe, das war er seinem Ruf schuldig. Bevor die Alte erfasste, was da passierte, bevor sie überhaupt sehen konnte, wer ihr da was in die Hand gedrückt hatte, war Rüchel auch schon verschwunden. Ganz langsam zur Rolltreppe, ganz gemütlich aus dem Kaufhaus.

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