05.05.2012 –514–

Früher, dachte Irmi wehmütig, da haben kritische Verbraucher noch Kaufhäuser in Brand gesteckt; heute geben sie sich damit zufrieden, dass der Joghurt nicht abgelaufen ist und die Daunen in den Federbetten aus freilaufender Haltung stammen. Früher, ja früher, da wusste man auch nicht, dass Hosen Namen hatten, dass sie anscheinend getauft wurden wie kleine Kinder. Heute brauchst du als Hose gar nicht mehr namenlos zu kommen, dann bist du der geborene Ladenhüter. So ändern sich die Zeiten, dachte Irmi und seufzte. Und eine alte verdiente Lehrerin schnüffelte einem Regenschirmkiller nach, der gerade in die Fänge einer cleveren Verkäuferin geraten war. Arme Sau der.

Das musste schon komisch aussehen, eine ältere Dame, die sich durch Jeans blätterte. Na ja, notfalls würde sie behaupten, sie suche etwas für den Enkel. Man durfte nur nicht so genau nachfragen und feststellen, dass sie überhaupt keinen Enkel ihr eigen nannte, nicht einmal Kinder. Warum eigentlich nicht? Das war jetzt nicht der Ort, sich darüber Gedanken zu machen und Gelegenheiten nachzutrauern. Aber in erster Linie hatte es an der fehlenden Qualität des zur Erzeugung eines Kindes notwendigen Samens gelegen. Wenn sie sich vorstellte, einen Sohn zu haben, der genauso blöd war wie sein Vater — gut, selber schuld. Warum hatte sie sich auch immer mit Idioten eingelassen. Aber einen Idioten fürs Bett aufzugabeln, das war allemal leichter als einen halbwegs intelligenten Mann. Außerdem hatte Irmi sehr früh festgestellt, dass es beim Sex nicht auf den Intelligenzquotienten ankam. Eher im Gegenteil. Wäre Intelligenz ein Auswahlkriterium, würde jede xbeliebige Banane jedes Jahr zum Lover of the Year gewählt werden.
Aber weg mit diesen neckischen Gedanken. Aufpassen was passiert. Der Killer mit dem Regenschirm befand sich weiterhin in den Fängen der Verkäuferin, deren rhetorische Schlingen sich immer bedrohlicher um den Hals des Kunden legten. Lange würde der nicht mehr standhalten. Jetzt hielt sie ihm eine enge schwarze, gewiss sündhaft teure Jeans vor, schrie ein „Wow, da kommen ihre männlichen Attribute aber besonders vorteilhaft zur Geltung!“, was Irmi ein wenig zu vulgär schien, offensichtlich jedoch von Erfolg gekrönt war, denn der Killer mit dem Regenschirm nickte resigniert, nahm die Hose und wankte Richtung Umkleidekabine.
Die Verkäuferin grinste ihm nach und machte sich daran, neue, noch teurere Beinkleider vom Ständer zu ziehen. Ständer! Was sie schon für Bezeichnungen hatten! War natürlich alles wohlkalkuliert, psychologisch ausgeklügelt. „Sie können selbstverständlich jede Hose vom STÄNDER nehmen und in der Umkleide ÜBERZIEHEN, damit Sie sehen, ob Sie sich DARIN WOHLFÜHLEN!“ Ja, sie standen alle unter dem Diktat der zu Verkaufszwecken missbrauchten Sprache. Die 68er hatten versagt, schlimmer noch: Sie waren längst die Werbefuzzis, die sie früher bekämpft hatten.
Der Killer kam zurück, die Hose war zu eng, zu lang, er hatte außerdem keinen Jeanshintern, den verlieren Männer spätestens nach dem 30. Geburtstag. Die Verkäuferin jauchzte dennoch, wow, wow, wow, dazu passe ein prima weißes Muscleshirt, sie hole es sogleich, während der Kunde doch bitte diese drei paar Superhosen noch anprobieren solle. Sie warf sie ihm über den Unterarm, der Kunde drehte sich um, schlich zurück in die Umkleidekabine. Die Verkäuferin verfügte sich derweil zu den STÄNDERN mit den Muscleshirts.
Wie lange sollte das noch so weitergehen? Irmi hatte Hunger, ein Schlückchen Eierlikör hätte jetzt auch nichts geschadet. Wo nur Borsig blieb. Außerdem: Wenn der hier Kleider anprobierte, konnte er ja schlecht jemanden umbringen, oder? Und die Füße begannen ihr auch schon wehzutun.
Jetzt trug er eine grüne Hose aus Feincord, die ihm viel zu groß war. Wow, wow, wow, machte die Verkäuferin. So geil! Mädchen, dachte Irmi, du machst nicht mehr lange, dann tret ich dir auf gut Achtundsechzigerisch dorthin, wo eigentlich dein Arsch sein sollte, wenn er nicht im Gesicht wäre. Und, nebenbei, Streichhölzer habe ich zufällig auch in der Handtasche.

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