04.05.2012 –513–

Manchmal erzählten Rosis Eltern noch von früher, als alles besser gewesen war. Man arbeitete im Gänseleber-Kombinat ROTE FEDER, die Partei wachte über einen, es gab nichts zu kaufen, aber das reichlich. Die DDR veranstaltete Parteitage und legte die Produktion fest. 500 Kilogramm Gänseleber täglich, das war ihr Soll gewesen – und sie schafften es! Dann kam der Mauerfall, kam der Kapitalismus – und alles änderte sich.

Von wegen, lächelte Rosi. Heute stand sie bei Karstadt herum und musste Herrenhosen verkaufen. Mindestens 25 Stück am Tag, sonst würde sie auf der wöchentlichen Mitarbeiterkonferenz wieder in der Ecke stehen müssen, mit diesem komischen spitzen Hütchen, auf dem „Ich bin eine Versagerin“ stand. So viel geändert hatte sich eigentlich nicht. Gut, man konnte sich jetzt alles kaufen, aber leider nichts leisten.
Sie stand sich die Beine in den Bauch, musterte die Vorübergehenden. Männer, die in Begleitung ihrer Ehefrauen erschienen, blickten mürrisch und waren störrisch wie die Esel, von einer höheren Gewalt unterjocht, die gleich einmal sieben Paar Hosen von den Ständern zog und ihre Opfer in die Umkleidekabine damit schickten. Hier gab es für eine Verkäuferin nicht viel zu tun. Erfreulicher waren Herren, die alleine erschienen, um eine Hose zu erwerben. Hier konnte man noch beraten, das heißt: ihnen eine Hose aufschwatzen. Ging nicht zu? Ach was, das liegt nur am Kunstlicht hier, daheim passt die einwandfrei. Zu lang? Einfach bei 400 Grad waschen, schon ist sie ideal. Heute hatte Rosi schon zwei Hosen an alleinstehende Herren verkauft, einer hatte ihr sogar ihre Telefonnummer geben, doch Rosi würde ihn nicht anrufen. Schön, sie war solo, aber sie träumte von einem Mann, der ihr mehr konnte als eine Zukunft bei Karstadt.
Als sie der Typ ansprach, seufzte sie nur. Alte Anmachtour. Ob sie ihm helfen könne. Der Mann da vorne, das sei ein Freund von ihm und der brauche dringend eine neue Hose. Ja, sah sie auch. Wie der rumlief! Leider sei sein Freund ein wenig unschlüssig, um nicht zu sagen zögerlich, sagte der Mann weiter. Er habe nun mit einem anderen Freund gewettet, dass dieser Typ da vorne heute auf jeden Fall mit einer neuen Hose das Kaufhaus verlassen werde. Ob sie ihm helfen könne? Ihn ansprechen, in ein Verkaufsgespräch verwickeln? Ja, genau, der Typ mit dem Regenschirm. Komisch sei er schon ein bisschen, daher auch der Regenschirm. Aber sei doch ihr Job, oder? Er drückte ihr diskret einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand. Das reichte heute Mittag für einen Snack sowie zwei Paar Nylons.
Sie steuerte auf den Mann zu. Er war offensichtlich desorientiert, aber das ging allen Männern so, wenn sie die Wahl zwischen mehr als einem Paar Hosen hatten. Das war nun einmal ihre Natur, dafür gab es schließlich Frauen, um sie sicher durchs Leben zu führen. „Kann ich Ihnen helfen?“ sprach Rosi den Man an. Der wandte sich ihr erschrocken zu, die Spitze seines Regenschirms zuckte hoch, steifte Rosi am Bein. Irgendwie süß der, dachte die Verkäuferin, beherrschte sich dann aber gleich wieder geschäftsmäßig.
Der Mann schüttelte den Kopf, er wolle sich nur einmal unverbindlich umgucken. Rosi ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Das sagten sie alle. Ohne auf seine Worte zu achten, zog sie eine hellblaue Kunststoffhose vom Ständer und vom Bügel, hielt sie dem Mann vor, sagte: „Wow, die würde Ihnen aber STEHEN!“ Das „STEHEN!“ betonte sie. In der Psychoschulung hatte sie gelernt, bestimmte Reiz- und Lockwörter einzusetzen, „stehen“ war sexuell konnotiert, ebenso wenn man sagte: „Diese Hose hebt ihr gesellschaftliches Standing beträchtlich.“ Das verstanden aber nur Akademiker. Der Typ hier sah eher wie ein kaufmännischer Angestellter aus, der gerade einmal mittlere Reife geschafft hatte.
Der Mann nickte schüchtern. Süß. Natürlich war die Hose für ihn völlig ungeeignet. Außerdem zu billig. Sie musste Umsatz machen, sie wollte nicht schon wieder dieses Hütchen auf haben und in der Ecke stehen. Sie hing die Hose zurück und lotste den Mann, indem sie ihn wie unbeabsichtigt am Oberarm fasste, zur teuren Markenware. Wer weiß, vielleicht konnte sie ihm einen ganzen Anzug aufschwatzen.

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