02.05.2012 –511–

Sie hatten sich nach dem Frühstück getroffen und waren zehn Minuten um den Block spaziert, ohne sich wirklich etwas zu sagen zu haben. Der übliche Smalltalk unter Killern, über das Betreuungsgeld schimpfen, die Zukunft der FDP diskutieren und natürlich die Fußballeuropameisterschaften, die, wie man soeben festgestellt hatte, in einem Land ausgetragen wurden, das schockierender Weise keine lupenreine Demokratie war. Im Foyer des Hotels hatten sie sich voneinander getrennt, Rüchel angeblich „sich noch ein bisschen aufs Ohr legen“, Schmeichel „mal endlich meine Reisetasche auspacken und mit meinen Lieben telefonieren“.

Rüchel verließ das Hotel durch den Hinterausgang. Seine Kontaktperson in der Moritz-Klein-Bande hatte ihn informiert, der Killer mit dem Regenschirm sitze gerade in der Cafeteria eines Kaufhauses, trinke einen Pfefferminztee und verzehre ein mitgebrachtes Schnitzel-Pommes-Gurkensalatgemisch. Das Kaufhaus lag unweit des Hotels, Rüchel bahnte sich seinen Weg durch die Passanten, so etwas wie leichte Unruhe hatte ihn erfasst. Er war ehrgeizig. ER wollte den Killer mit dem Regenschirm zur Strecke bringen, es sollte als eine Art Befähigungsnachweis gelten. Die Frage lautete nun: Wie den Typen umlegen? Er hatte sich die kleine Baretta eingesteckt, zuverlässiges Teil, damit traf man auf 20 Meter unfehlbar, wenn man Rüchel hieß. Natürlich mit Schalldämpfer, ohne war gesundheitsschädlich für den Schützen, das ging auf die Ohren.
Natürlich wäre ein Messer umweltfreundlicher, schon was den Lärm anbetraf. Hatte aber den Nachteil, dass man dicht an das Opfer heran musste und es nie vermeiden konnte, sich die Klamotten vollzusauen. Blutflecke? Gab nichts Schlimmeres für die Hausfrau. Ein Grund, warum Rüchel nicht verheiratet war.
Den kleinen Typen mit der lächerlichen Borussenmütze hatte er sofort entdeckt. Mein Gott, er war hier unter lupenreinen Amateuren und sonstigen Möchtegerns gelandet, womit hatte er das nur verdient! Der Mann mit dem Regenschirm war mit seinem obskuren Mahl inzwischen fertig geworden, vor ihm lag ein Knäuel Alufolie, gerade wischte sich der Mann die Finger an einer Papierserviette ab. Rüchel stand am Rand der Cafeteria, noch vor den Kassen, an denen fleißige Finger Preise tippten und Tabletts durchwinkten. Lust auf einen Kaffee hatte er durchaus. Aber er ging davon aus, dass der Mann mit dem Regenschirm bald aufbrechen würde. Was hatte er vor?
Der kleine Mann mit der Mütze. Hm. Eine Idee begann in Rüchels Gehirn zu reifen. Er grinste. Okay, dann also doch das Messer. Hatte er immer dabei, ein australisches Springmesser, wie es Fallschirmjäger benutzen, etwas Besseres gab es gar nicht, auf japanische Messer stand er überhaupt nicht, das war eine Modeerscheinung, ein Hype der Killerarbeitsgeräte-Industrie. Nur dass mit den versauten Klamotten… Hm. Jetzt brauchte er nur etwas Glück, dann würde er einen Mord hinlegen, von dem man in Fachkreisen noch in Jahrzehnten ins Schwärmen käme. Glück? Er sollte mal diesen Moritz Klein fragen, der wusste das doch. Ha, ha.
Allzu viel Zeit hatte Rüchel nicht. Sein eigentlicher Auftrag, auf Marxer und Krießling-Schönefärb aufzupassen, durfte nicht aus den Augen verloren werden. Er spielte gerade mit dem Feuer, das war ihm klar. Was, wenn Schmeichel genau in dieser Minute einen Anschlag auf die beiden… Hm, nein, so weit war der noch nicht. Hoffte Rüchel. Nein, wusste Rüchel. Das sagte ihm sein Instinkt.
Der Mann mit dem Regenschirm stand auf und schickte sich an, die Cafeteria zu verlassen. Er trieb sich anscheinend gerne in Kaufhäusern herum, warum auch immer. Die Chancen für Rüchels Plan standen also nicht schlecht. Auch der Borussenfan erhob sich, folgte dem Mann mit dem Regenschirm. Und Rüchel folgte dem Mann mit der Borussenmütze. Fußball interessierte ihn einen Dreck.

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