01.05.2012 –510–

So langsam gewöhnte ich mich an die Büroroutine. Den Vormittag über durchsuchte ich das Internet nach Urheberrechten, die ich verletzen konnte, hörte kostenlos Musik, sah kostenlos Filme und las kostenlos E-Books. Ich meldete mich elektronisch bei den Piraten an, nahm die Anmeldung aber sofort wieder zurück, als ich gefragt wurde, welcher Nazivergleich mir spontan einfalle, dies nämlich sei Grundvoraussetzung, meinen Aufnahmeantrag anzunehmen. Nach dem zweiten Frühstück, das Annamarie Kainfeld aus der Bäckerei besorgt hatte, machte ich mich daran, Content (Goethe hatte noch von „Inhalten“ gesprochen) für den Internetauftritt des Bundesglücksbeauftragten zu stehlen. Ein paar Zitate zum Glück, die sollten schon sein.

„Glück ist, wenn man Pech hat“ (Cicero). Ja, die spätdekadenten Römer, kein Wunder, dass sie eine ausgestorbene Sprache sprachen. „Wer das Glück nicht schätzt, ist das Pech nicht wert“ (Diderot oder Shakespeare, man war sich hinsichtlich der Quellen nicht einig). „Gluck Gluck und der Fusel gluckert durch die Speiseröhre“ (Harald Juhnke). „Wenn wir nicht glücklich sind, was sind wir dann? Menschen?“ Oha, das war ich ja selber! „Moritz Klein, Glücksbeauftragter“, stand als Quelle dahinter. Ich will mich ja nicht selber loben, aber dieses Zitat gefiel mir am besten, ich hatte es gerade zum ersten Mal gelesen.
In unregelmäßigen Abständen meldete sich Borsig, um mich über die Bewegungen seiner Zielperson – er nannte den Killer mit dem Regenschirm wirklich so – auf dem Laufenden zu halten. Der Killer mit dem Regenschirm interessiert sich für die Auslagen eines Geschäfts für Modelleisenbahnen – der Killer mit dem Regenschirm ist beinahe in Hundescheiße getreten, die Spitze seines Regenschirms hat es voll erwischt, der Mann hat geflucht – der Killer mit dem Regenschirm studiert die Speisekarte von „Kalle’s Eck“, eines nicht nur wegen des obligatorischen Deppenapostrophs tunlichst zu meidenden Speiselokales, das Bratheringe für eine vollwertige Mahlzeit hält – der Killer mit dem Regenschirm tut dies, der Killer mit dem Regenschirm tut das. Kurzum: Killen mit einem Regenschirm schien einer der langweiligsten Berufe auf dem Globus zu sein, vom Bundesbeauftragten für das Bürgerglück einmal abgesehen.
„Über das Glücklichsein sollte man nicht nachdenken, sonst wird man unglücklich“ (Abraham Lincoln, bevor ihn die Kugel erwischte). „Luck is just a Four-Letter-Word“ (John F. Kennedy, als ihn die Kugel erwischte). „Noch mal Glück gehabt“ (Osama Bin Laden, als ihn die erste Kugel verfehlte). „Glück ist wie ein gedeckter Apfelkuchen, man muss reinbeißen um zu wissen, ob auch Äpfel drin sind“ (irgend so ein Fernsehkoch). Ich kopierte alles getreulich und schickte es per Email an meine Sekretärin, die im Vorzimmer hockte und von Marxer albträumte. Glück sieht anders aus.
Gegen Mittag meldete sich Borsig erneut um mir mitzuteilen, er wechsele sich fortan mit Irmi in der Beschattung der Zielperson ab. Das sei einfach professioneller, sehe man ja in sämtlichen Agentenfilmen und außerdem habe Irmi als Rentnerin ja genügend freie Zeit. „Ich hau mir mal Königsberger Klopse rein, der Mann mit dem Regenschirm sitzt auch grad in der Cafeteria und ärgert sich. Er hat nur noch Fünfzigeuroscheine und überlegt gerade, was er mit dem Wechselgeld machen soll. Einem Gutschein für eine Wellnesswochenende in Großmuschelbach.“
„Glück ist, wenn man Kleingeld dabei hat“ (der Killer mit dem Regenschirm). Aber Essengehen war eine prima Idee. Ich lud Annamarie Kainfeld in den nächsten japanischen Schnellimbiss ein, wir kratzten unser letztes Münzgeld zusammen – 14 Euro 23 – und verließen das Büro. Irgendein dumpfes Gefühl packte mich, als wir uns durch die Menge bewegten, nein, es war nicht die Angst vor dem rohen Fisch, der unserer harrte, es war auch nicht die Angst vor einem letzten Zitat, das ich gegoogelt hatte und das von Hannes Doreich stammte, einem zukünftigen Krimihelden Dieter Paul Rudolphs. „Glück ist es, wenn du Sushi isst und nicht selber Sushi bist.“ Nein, es war etwas anderes, etwas Undefinierbares.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s