30.04.2012 –509–

Was tut ein Killer, wenn er frühmorgens zur Arbeit geht? Er trinkt einen Kaffee im Bahnhofsrestaurant und ärgert sich. Hat kein Kleingeld dabei, legt einen Zehner auf die Theke, die Kassiererin bietet ihm ein Wiener Schnitzel mit Pommes und Gurkensalat als Ersatz für das Wechselgeld an. Geht’s noch? Als ob er am frühen Morgen Schnitzel essen könnte! Er ist doch kein Engländer, die spachteln morgens schon Würstchen mit Griespudding und werfen spanische Fußballmannschaften aus der Champions League! Ekelhaftes Volk.

Die Kassererin bot ihm an, Schnitzel, Pommes und Gurkensalat in Alufolie zu verpacken, so halte es sich länger, er könne die Mahlzeit dann zum zweiten Frühstück verdrücken, im Büro. Sieht er etwa aus wie ein kaufmännischer Angestellter? Ja. Und das ist gut so, damit tarnt er sich. Nur der Regenschirm passt nicht ins Bild. Sie haben makellos blauen Himmel gemeldet, aber ist nun einmal sein Arbeitsgerät, man würde ja auch nicht verlangen, dass ein Zahnarzt seine Bohrer daheim lässt, nur weil kein normaler Mensch mit Bohrern in der Jackentasche durch die Gegend läuft.
Borsig hat es ein wenig besser getroffen. Auch ihm mangelte es an Münzgeld, auch er hat einen Zehner auf den Tisch gelegt, auch ihm wurden Schnitzel, Pommes, Gurkensalat angeboten. „Nee, Mädchen, mach mal Schnitzel im Brötchen, ess ich dann gleich. Und zwei von den Schokoriegeln da hinten.“ Geht doch, dachte die Kassiererin, der will sein Zeug nicht in Alufolie. Schade, dass der Typ so klein war und Borussia-Dortmund-Fan. Sie schwärmte für große Bayern-Stürmer mit schönen schwarzen Haaren.
Der Mann wartete und trank langsam seinen Kaffee, den Silberklumpen mit Schnitzel und Co. neben sich. Er musste runterkommen, ruhig werden. Wieder hatte er sich am Morgen mit seiner Frau gestritten, wieso er so unregelmäßige Schichtarbeit machen müsse, wäre doch nicht normal. Im Dance-Bergwerk suchten sie einen Ecstasy-Verkäufer auf Provisionsbasis, machte der Nachbar doch auch und verdiente prächtig. Nein, das wollte er nicht. Drogenhandel! Er verabscheute das.
Lieber Hartz IV, dachte er. Kinder hatten sie auch nicht, also keinen Ärger mit dem Betreuungsgeld, das man selbstverständlich nicht an Hartz-IV-Bezieher auszuzahlen gedachte, die versaufen das doch. Die Alte wurde einfach lästig, geliebt hatte er sie sowieso nie. Man heiratete halt in Großmuschelbach, sobald es die Natur erforderte, alles blieb quasi in der Familie.
Neun Uhr gleich. Er würde wieder durch die Kaufhäuser schlendern, was sollte er auch sonst tun. Oder sollte er das Hotel mit den beiden Berufskollegen beobachten? Das war ihm peinlich. Die hatten doch sein Versagen hautnah mitbekommen. Zu Moritz Kleins Büro, sich dort ein Stündchen herumdrücken, warten, bis er vielleicht kommen würde, ihm folgen, eine günstige Gelegenheit abwarten? Er sah wieder auf den Aluklumpen. Mein Gott, wie war denn das verpackt? Wahrscheinlich Schnitzel, Pommes und Gurkensalat total durchgemanscht, so etwas konnte man bei den Tafeln an Bedürftige weitergeben (gegen Spendenquittung natürlich), aber doch nicht der schwerarbeitenden Bevölkerung! Und was hieß hier eigentlich „kein Kleingeld“? Was lief denn hier verkehrt? Nein, er beruhigte sich nicht. Er wurde immer zorniger.
Borsig langweilte sich. Detektivspielen – einfach nicht sein Ding. Außerdem sollte er besser diese blöde Dortmund-Mütze absetzen. Gelb-schwarz stand ihm sowieso nicht, machte ihn älter. Und war zu auffällig, konnte ihn verraten.
Er schaute auf den Schirm des Mannes. Damit konnte man also töten. Ihn schauderte bei dem Gedanken. Dabei sah der Typ nicht aus wie ein Killer, eher wie ein kaufmännischer Angestellter, der sich Schnitzel, Pommes und Gurkensalat in Alufolie einpacken lässt, damit er es beim zweiten Frühstück richtig krachen lassen kann.

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