27.04.2012 –506–

Unausgeschlafen, sexuell unbefriedigt und jetzt auch noch das: Auf dem Weg ins Büro hatte ich mir eine Zeitung gekauft, mit einem Zwanzigeuroschein bezahlt und anstatt des Wechselgeldes einen Duschvorhang (geblümt, wasserabweisend) oder die Autobiografie von Guido Westerwelle („FDP? Was ist das? Mein Leben mit einem Phantom“) angeboten bekommen. Sorry, kein Wechselgeld. „Packen Sie das Buch in den Duschvorhang und versenken Sie alles im nächsten Gully“, riet ich dem Zeitungsfritzen, entschied mich aber dann doch für das Buch, weil ich Kuriositäten wirrer Geistesaktivitäten sammele. Der Zeitungsmann schenkte mir eine Plastiktüte dazu.

Schon schlimm. Überall spielten sich familiäre Dramen ab, bei denen frühkindliche Traumata wie am Fließband hergestellt wurden. Man plünderte die Sparschweine der Sprösslinge, nur um an das begehrte Münzgeld zu kommen, ganze Suchtrupps wurden durch die Wohnung gejagt, um verschollene Ein-Euro-Stücke in sämtlichen Ecken und Ritzen ans Tageslicht und in die Geldbörsen zu befördern. Und die Presse? Schwieg. Berichtete stattdessen über solche Kleinigkeiten wie französische Präsidentenwahlen, bei denen die Ultrarechten beinahe zwanzig Prozent Wählerstimmen bekommen hatten, über das Betreuungsgeld, eine staatliche Zuwendung dafür, dass man sich bereiterklärte, eine andere staatliche Zuwendung nicht anzunehmen. Außerdem war Borussia Dortmund wieder deutscher Fußballmeister geworden und nicht Bayern München. Das konnte nur eines bedeuten: Die Welt war vollends aus den Fugen geraten.
Die Welt in meinem Büro wenigstens stimmte noch. Annamarie Kainfeld saß bereits an ihrem Arbeitsplatz, hatte Kaffee gekocht und begrüßte mich mit einem verschlafenen „Guten Morgen, Chef!“ Sie war mit ihrer Mutter aus der „Bauernschenke“ aufgebrochen, nachdem sie ihr erklärt hatte, warum sie mit einem Typen liiert war, der notorisch Frauenkleider trug. Nein, Marxer hatte nicht mit in Annamaries süßes kleines Bett dürfen, was ihn wurmte, mich aber diebisch freute. Überhaupt würde es in dieser kruden Story vorläufig keine Sexszenen mehr geben. Irgendwann muss jeder Krimiautor mal erwachsen werden und seine nachpubertären Phantasien in den Griff bekommen.
Ich startete den Rechner und tat was alle Welt zu tun pflegt, wenn sie klüger werden möchte: Ich googelte. Fragte mich für einen Moment, was alle Welt früher getan hat, wenn sie klüger werden wollte. Lesen? Denken? Ohne Maus und Touchpad? Ohne Browser gar? Unmöglich. Indes: Ich blieb, was den „griechischen Karneval“ anbetraf, dumm. War aber auch logisch. Denen da unten war inmitten ihrer antiken Trümmer und modernen Schulden nicht nach Ringelpiez mit Anfassen zumute, die sangen nicht einmal „Griechischer Wein“, die hatten es besser, die weinten gleich griechisch.
Irgendwann rief Borsig an, um mir mitzuteilen, er befinde sich mitsamt seines Titaninnentrios am Bahnhof Großmuschelbach. Während die Mädels schon volle Vorfreude dem Ereignis entgegensahen, „die Jungs aufzumischen“, werde er sich hier postieren, um mit etwas Glück jenen mysteriösen Killer mit dem Regenschirm zu identifizieren, ihm zu folgen und ihn profimäßig im Auge zu behalten.
Kein schlechter Tag für dieses Vorhaben. Draußen schien die Wintersonne aus blauem Himmel, kein Regen war gemeldet worden, ein Mann mit Regenschirm musste also auffallen. Ich wünschte Borsig viel Glück und gutes Gelingen, bat ihn, die Mädels zu ermahnen, bei ihrer berechtigten Vergnügungssucht nicht zu schwerster Körperverletzung zu tendieren, ein paar gebrochene Nasenbeine wären allerdings in Ordnung. Borsig versprach alles hoch und heilig, ein wenig zu schnell, nicht so, als werde man sich wirklich daran halten. Nun gut, dachte ich, meine humanistische Pflicht hatte ich erfüllt. Nach einigen weiteren Minute vergeblicher Suche schaltete ich den Rechner aus und griff nach der Korrespondenz. Sie bestand inzwischen aus drei mannshohen Türmen beschriebenen Papiers.

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