25.04.2012 –504–

„Du bist“, murmelte Schmeichel, „gar nicht so uneben, Rüchel.“ Der schüttelte den Kopf, obwohl er eigentlich nicken wollte. „Auch du, mein lieber Schmeichel, gehörst du den positiveren Exemplaren jener Gattung, mit deren Dezimierung wir unser Geld verdienen.“ So schwankten sie in leichter Trunkenheit aus der Kneipe, dem gemeinsamen Hotel entgegen. An der Tür stand eine alte Frau und drückte ihnen noch ältere Schlecker-Werbezettel mit Sonderangeboten in die Hände. Sie grunzten und ließen das Papier an der nächsten Ecke fallen.

Ihr Gespräch hatte zum Schluss hin eine überraschende Wende ins Philosophische genommen. Platon, sagte Rüchel, Platon habe doch immer behauptet, es gebe zu viele Menschen auf der Welt, oder etwa nicht? „Kann sein“, antwortete Schmeichel, „ich seh ihn in letzter Zeit selten. Was macht er jetzt so?“ „Überlegen“, sagte Rüchel, „aber sorry, ich glaube, das war nicht Platon, das war dieser Todenhöfer.“ Todenhöfer, den kannte Schmeichel nicht. „Das ist der, der früher CDU war und jetzt nur noch Todenhöfer, der immer Bücher schreibt und in Talkshows auftritt und mit Tränen der Rührung in der Stimme erzählt, was er doch für ein guter Mensch ist.“ „Ach so, der. Heißt der nicht anders?“ „Nein, Anders ist derjenige, der früher mal mit Dieter Bohlen in einer Band war. Aber der hechelt auch von einer Talkshow zur nächsten.“ „Ja, da hat Platon völlig Recht, von diesen Typen gibt’s einfach viel zu viel auf unserem Planeten.“
Über die Art und Weise, wie Moritz Klein ins Jenseits zu befördern sei, war man sich an diesem Abend nicht einig geworden. Stimmte aber immerhin darin überein, die Exekution möglichst lange und schmerzhaft zu gestalten, kein vorgetäuschter natürlicher Tod, das hatte diese Sau nicht verdient. Schon die Vorstellung, Klein verlasse vielleicht gerade in diesem Moment die „Bauernschenke“ am Arm der dort beschäftigten rattenscharfen Bedienung, um ebenjene in seiner oder ihrer Wohnung sexuell zu beschlafen, diese Vorstellung war Schmeichel widerwärtig. Was weder er noch Rüchel indes wissen konnten: Treue Leser dieses Endlosromans hatten sich bitter über die dort ausufernd geschilderten Kopulationsszenen beschwert. Der eigentlich schon anberaumte, ziemlich harte Sex von Moritz Klein und Hermine in dieser Nacht war also ersatzlos gestrichen worden, stattdessen würde Klein schlaflos seine Wohnung durchqueren, während Hermine am nächsten Morgen erfrischt erwachen sollte. So hatte alles sein Gutes.
Die beiden Killer durchquerten die Fußgängerzone. Engumschlungene Pärchen kamen ihnen entgegen, für ein jedes dachte man sich passende Sterbearten aus, die sich Rüchel und Schmeichel, dabei kichernd wie kleine unartige Jungs, zuraunten. Die meisten von denen waren es nicht wert, sich groß Gedanken über die Raffinesse der Beseitigung zu machen. Das übliche Verfahren, das, was sie bei Normalaufträgen inzwischen wie im Traum ausführten, ein Schuss aus dem Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr, eine zuverlässige Messerklinge im Vorübergehen in die Herzgegend, vielleicht ein um den Hals geschlungener Seidenschal, aber nein, das war schon gehobenes Handwerk, dafür legte heute kein Mensch mehr Geld auf den Tisch. Die Sitten waren verkommen, die Kultur des Tötens hatte sich der allgemeinen Kultur der Masse angepasst. Rüchel und Schmeichel seufzten. Das Hotel lag vor ihnen, sie fühlten sich leicht und warm und ein wenig nebulös, sie würden gut schlafen, soviel stand fest. Ein kleiner Absacker aus der Minibar würde helfen.
„Schlafen Sie gut“, sagte Rüchel beinahe zärtlich zu Schmeichel und dieser antwortete, er wünsche dem anderen ein zumindest ebenso guten Schlaf. Es war rührend. Über die Ermordung des Moritz Klein würde man sich morgen Gedanken machen, ein kleiner Spaziergang nach dem Frühstück, das konnte schon aus Verdauungsgründen nicht schaden. Sie nickten sich zu und trennten sich, suchten ihre Zimmer auf, schenkten sich ein Fläschlein Cognac ein, tranken, legten sich ins Bett und schliefen. Morgen wäre ein neuer Tag und der andere wieder Konkurrent.

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