24.04.2012 –503–

Mit stockender, etwas brüchiger Stimme begann Lydia Gebhardt von den Abenteuern zu erzählen, die sich nach den turbulenten Ereignissen auf Jersey – unsere Leserinnen und Leser mögen sich noch erinnern – zugetragen hatten. Davon, wie sie von ihrem Exgeliebten Honig und einer dubiosen Tänzerin verschleppt worden und in ein Verließ gebracht worden war, wo sie den anwesenden Moritz Klein kennengelernt hatte, bevor man sich wieder aus den Augen verlor. Davon auch, dass Honig sie in panischer Angst am Strand von St. Helier aussetzte, etwas war passiert, Lydia wusste nicht was, der Honig habe nur ständig „Er kommt, er kommt“ gemurmelt.

Mittellos, geschockt und zutiefst deprimiert befand sie sich am Strand, ein paar mitleidige Seelen versorgten sie mit Nahrung und rieten zur Polizei zu gehen, sie jedoch nahm diesen Rat aus naheliegenden Gründen nicht an, sondern schlug sich zum Hafen der Stadt durch, in der Hoffnung, dort als blinde Passagierin das europäische Festland zu erreichen. Der Plan jedoch glückte nicht. Die verzweifelte Frau übernachtete – es war kalt! – in einem lecken Fischerboot, wo sie frühmorgens der Besitzer desselben entdeckte, ihr ein sexuelles Angebot unterbreitete, das Lydia, der Not gehorchend annahm und mit dem Geld (hier schluchzte Annamarie Kainfeld bitterlich) endlich die Passage ins normannische Deauville bezahlen konnte. Von dort aus habe sie sich per Anhalter und mit, sie räusperte sich, „kleinen Jobs“ nach Deutschland durchgeschlafen, nein, korrigierte sie errötend, durchgeschlagen. In der „Bauernschenke“ war es mucksmäuschenstill, sogar die Hausmaus hörte angestrengt zu und vergaß für ein paar Minuten den Käse, den sie soeben stibitzt hatte.
Hatte sie gehofft, nun, endlich daheim, werde alles besser, so sah sie sich auf das schrecklichste enttäuscht. Ihre Wohnung nämlich war komplett ausgeräumt, das Girokonto ebenso komplett abgeräumt, beides unbezweifelbar das Werk des sinisteren Honig. Sie sei wie erschlagen gewesen. Wieder seufzte Annamarie Kainfeld, wie nur eine liebende Tochter zu seufzen in der Lage ist. Marxer schreckte darob auf, er hatte den Erzählungen der Gebhardt kaum, höchstens mit halbem Ohr zugehört, solche Stories kannte er, er schrieb sie ja bisweilen selber, wenn ihn Geldnot zwang, sich als Heftautor für Serien wie „Doktor Achim leidet für Sie!“ oder „Ein Herz, eine Krone und eine Portion Sauerkraut“ zu verdingen. Er wälzte stattdessen verzweifelt in seinen Erinnerungen, glich die dort längst verblichenen Fotos der einstmals Geliebten mit dem leider noch nicht unscharf gewordenen Originalporträt Lydia Gebhardts ab. Sollte er tatsächlich einmal… aber er war doch nie Surflehrer gewesen, oder doch? Wieder eine Episode seines Lebens, die er erfolgreich verdrängt hatte? Marxer verzweifelte.
„Wenigstens“, fuhr Lydia Gebhardt fort, „habe ich in meiner vollständig ausgeräumten Wohnung etwas gefunden. Honig, dieses Schwein, muss es verloren haben, als er seine Notdurft verrichtet hat, es ist ihm wohl aus dem Hosensack gefallen.“ Sie griff in das aufgenähte kleine Täschchen ihrer Kostümjacke und zog einen Zettel hervor, las: „Einladung zum Karneval der Griechen, üblicher Ort, übliche Zeit, bitte wie immer Gummistiefel mitbringen.“
Nicht nur Moritz Klein dachte dabei sofort an den unglücklichen Günther Rath und seine letzte Mitteilung, in der ebenfalls von Griechenland und Karneval die Rede gewesen war, aufmerksame Leserinnen und Leser tun es jetzt genauso und sagen sich: Na endlich, der Mord an Günther Rath beschäftigt uns seit Monaten, es wird Zeit, dass sich hier etwas tut.
Karneval der Griechen? Nie gehört. Selbst die Rentner grübelten, ohne Ergebnis. Lydia Gebhardt schüttelte ebenfalls den Kopf, nein, von einem solchen Ereignis habe ihr Honig nie erzählt, sie glaube auch nicht, dass dieser Modeschnösel jemals Gummistiefel besessen habe. Auch das half nicht weiter.
„Nun“, sagte Moritz, „eine Spur ist es dennoch. Griechenland? Da klingelt es bei mir. Eurokrise. Karneval? Wir haben doch noch unseren Faschingsprinzen in der Hinterhand.“

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