23.04.2012 –502–

Es wurde ein tränenreicher Abend in der „Bauernschenke“. Annamarie Kainfeld und Lydia Gebhardt lagen sich in den Armen, herzten sich inbrünstig, Marxer schwitzte unter dem Makeup und versuchte sich verzweifelt zu erinnern, ob er jemals zu Recherchezwecken als Surflehrer gearbeitet hatte. Beruhigte sich dann allerdings damit, dass er sowieso ein gefühlter Holländer war, mithin einem Volk angehörte, das nicht nur aktive Sterbehilfe leistete, sich ganz legal mit Drogen zudröhnte, sondern im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland auch dem Inzest eher locker gegenüberstand.

Der ganze Raum war ein Tränenmeer. Die Rentner begannen das Betreuungsgeld zu loben, hätte es doch verhindern können, Mutter und Tochter voneinander zu trennen. Überhaupt: Diese Kristina Schröder machte als Familienministerium einen prima Job, sie kämpfte gegen die Emanzipation, gegen das Sexistische, das allein schon darin zu erkennen war, ausgerechnet Alice Schwarzer als Ikone der Frauenbewegung erkoren zu haben und nicht, zum Beispiel, Til Schweiger, bei dem die Frauen doch viel mehr in Bewegung gerieten, auch wenn er die Tatort-Erkennungsmelodie abschaffen wollte, was die Rentner nicht sonderlich interessierte, sahen sie an Sonntagabenden doch immer die Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen im Zweiten. Als Kenner der Materie wussten sie natürlich, dass auch bei diesem soeben live gesendeten Drama am Ende alles gut ausgehen würde. Die Intrigen des Schwagers der Gebhardt kämen ans Tageslicht, Annamarie Kainfeld, die kleine Sekretärin, würde sich als Alleinerbin eines Millionenvermögens und Besitzerin eines feschen Bräutigams wiederfinden, während Lydia Gebhardt, geläutert, den Vater ihrer Tochter heiraten würde. Genau davor graute Marxer. Er konnte sich nämlich partout nicht mehr an die Vergangenheit erinnern, was ein denkbar schlechtes Zeichen war.
Moritz Klein hockte auf seinem Stuhl und dachte: Das darf alles nicht wahr sein. War es ja vielleicht auch gar nicht. Sondern nur ein weiterer Schachzug in der globalen Intrige, nach der Abschaffung des Geldes die Abschaffung des klaren Menschenverstandes zugunsten einer heilen Schwurbelwelt aus kitschigen Versatzstücken. Er hatte eh schon immer den Verdacht gehabt, alles sei inszeniert, um von den wahren Problemen abzulenken. Es gab überhaupt keinen Günter Grass, er war eine Erfindung der Bildzeitung oder des Spiegel oder der Süddeutschen oder eines anderen Käseblattes. Dafür gab es eine geheime Klinik, aus Steuergeldern finanziert, in der wie am Fließband silikonverstärkte Blondinen produziert und in die mediale Welt geschickt wurden, um dort mit grenzdebilen Sprüchen das letzte bisschen Niveau aus der Gesellschaft zu lispeln.
Endlich waren die Tränenströme halbwegs versiegt. Lydia Gebhardt schnäuzte sich in ihr Spitzentaschentuch und sagte: „Ich bin ein schlechter Mensch gewesen, aber die Umstände waren daran schuld. Eigentlich habe ich mich nach nichts anderem als LIEBE gesehnt, einer kleinen intakten Familie“ – sie schickte einen zärtlichen Blick zu ihrer Tochter, die einen nicht weniger zärtlichen Blick zurückschickte – „und einem Beruf, in dem ich das Beste für die Menschen erreichen kann. Krankenschwester oder Fernsehansagerin.“
Ach du Scheiße, dachte Moritz Klein, die Dialoge im wirklichen Leben waren schon schlechter als die im Fernsehen. „Lydia“, sagte er, „hat ein paar interessante neue Einzelheiten zu berichten.“ Die Erwähnte nickte und begann schon wieder zu weinen. Ja, wiederholte, sie sei ein schlechter Mensch gewesen, aber SO schlecht wie andere nun auch wieder nicht. Eine vom brutalen Eigennutz anderer zertrümmerte, hilflose Frau – und ja, wenn es damals schon das Betreuungsgeld gegeben hätte, „wer weiß, wie alles gekommen wäre. Also ich werde mir das Buch von Frau Schröder kaufen, das ist schon schlimm, wie sie jetzt alle über diese arme Frau herfallen.“
Sogar die Bildhauerinnen nickten. Nur Oxana war misstrauisch geblieben, sie mochte diese Lydia nicht. Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen hatte es in Kasachstan nicht gegeben, dort spielten die Schmonzetten in Kolchosen und der Roten Armee. Sie würde wachsam bleiben.

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