22.04.2012 –501–

„Interessant“, sagte Rüchel und versuchte möglichst emotionslos, geschäftsmäßig nüchtern dreinzuschauen. Dieser Schmeichel war, obwohl Konkurrent, ein recht inspirierender Gesprächspartner, mit dem man die Feinheiten des Killerhandwerks auf der Basis notwendiger Professionalität, auf Augenhöhe gewissermaßen erörtern konnte. Sie besprachen Vor- und Nachteile des Slow-Killings, einer Variante des Slow-Food und überhaupt des Slow-Life, die Abkehr von der Hektik des Alltags zugunsten einer auch ökologisch nachhaltigeren Lebens- und Sterbensweise.

„Bedenken Sie“, sagte Schmeichel jetzt, „welche unnötige CO2-Belastung durch das Abfeuern einer einzigen Kugel entsteht! Und von Genuss, von Arbeitszufriedenheit, kann auch keine Rede sein, wenn diese Arbeit in Sekundenbruchteilen über die Bühne geht, oder?“ „Interessant“, sagte Rüchel erneut. Er hatte das Thema angeschnitten, indem er hinsichtlich der geplanten Ermordung Moritz Kleins die Herzinfarkt-Methode empfohlen hatte. Das Opfer durch eine Bombenattrappe dermaßen schockieren, dass sein Organismus das Handtuch wirft. Das war solides Handwerk mit einem Anflug von Kunst, jedoch: In einer auf Effizienz und Tempo getrimmten Welt konnte man Auftraggeber nur schwer von einer solchen Vorgehensweise überzeugen.
„Dabei“, hatte sich Rüchel ereifert, „geschehen die wirklich großen Verbrechen doch genau SO! Nehmen Sie nur die Volkszählung von 1987. Der Staat möchte ruckzuck wissen, ob Sie in einer Drei- oder einer Vierzimmerwohnung leben. Unsensibel! Die Leute sind zurecht empört. Man schwenkt um. Erfindet das Internet und kaum zwanzig Jahre später veröffentlichen einstige Volkszählungsgegner freiwillig Fotos ihrer Schlafzimmer mitsamt dort nur spärlich ausgebreiteten Lebensgefährten bei Facebook, plaudern zwanglos über Eheprobleme und geben preis, an welchem FKK-Strand sie gemeinsam mit ihren 14jährigen Töchtern Urlaub machen und welche Blende fotografierende Spanner bitteschön einstellen sollen. Und das alles in vollster Kenntnis des Umstandes, dass diese Daten nicht nur Einbrechern, Pädophilen und gelangweilten Beziehern von Elterngeld zugänglich sind, sondern dass damit ein schwunghafter Handel getrieben wird!“
Schmeichel stimmte dem zu. „Manchmal glaube ich, der perfekte Mord wäre der, ein Opfer einfach an Altersschwäche sterben zu lassen. Nichts zu tun. Nur zu warten, bis Schnitter Tod die Nase voll hat von diesem öden Dasein des Herrn X oder der Frau Y und selbst den Schalter umlegt. Aber dafür bezahlt einen kein Mensch! Immer alles schnell, schnell, am besten schon vorgestern.“
Sie hockten noch immer in dieser ungemütlichen Kneipe mit dem Flair einer aufgelösten Schlecker-Filiale und sehnten sich nach der gemütlichen, menschlichen Atmosphäre der „Bauernschenke“. Dort zu zechen, schien ihnen indes momentan nicht opportun. „Ich bewundere die Giftmörderinnen früherer Jahre“, sagte Rüchel jetzt, „die ihren Opfern über einen längeren Zeitraum minimalste, geradezu homöopathische Dosen von Arsenik verabreichten, um eine natürliche Erkrankung zu simulieren, die dann unweigerlich mit einem ebenso simulierten natürlichen Tod ausklingt. Großartige Künstlerinnen, wahre Vorbilder! Nicht solche Stümper wie der Typ von heute Mittag mit seinem Regenschirm.“ „Sie sagen es“, bestätigte Schmeichel. „Wäre es nicht ein Gebot des Berufsethos, diesen sogenannten Kollegen aus dem Verkehr zu ziehen? Nicht slow, sondern ruckzuck? Kugel, Messer, vor den Zug stoßen?“
Dies sei überlegenswert, gab Rüchel zu. Eine wahrhaft soziale, weil nicht in barer Münze honorierte Tat. Man kam überein, die Sache bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit in Angriff zu nehmen, eine Art Warmwerden für kommende Aufträge, ebenso könne an Moritz Klein ein kostenloses Exempel jenes Slow-Killing statuiert werden, dem, da waren sich beide einig, im Sinne nachhaltigen Tötens die Zukunft gehörte.

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