21.04.2012 –500–

Natürlich machten sie sich Sorgen um Moritz Klein. Andererseits: Das war längst zu einem Normalzustand geworden. „Der war doch jetzt schon fünfhundert Mal in Lebensgefahr“, wiegelte Marxer ab, „der Bursche taucht immer dort auf, wo die Scheiße am heißesten quirlt.“ Trotzdem. „Irgendwann erwischt es jeden“, wusste Borsig schulterzuckend, „wahrscheinlich kommt er gleich hier quietschvergnügt rein und erzählt uns den neuesten Schwank aus seinem Leben.“

Moritz Klein betrat die „Bauernschenke“. Quietschvergnügt war etwas anderes. „Da bist du ja!“ stellte Hermine überflüssigerweise, dafür umso lauter fest, Klein reagierte darauf kaum, er setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf auf die Handflächen und grübelte sich drei dekorative Wellen auf die Stirn. Alle sahen ihn an. Moritz Klein beim Nachdenken? Das war in etwa so sensationell wie Günter Grass beim Dichten.
Es herrschte gespannte, erwartungsvolle Stille im Raum. Selbst am Rentnerstammtisch staute sich das Bier in den Speiseröhren und würde nicht weitertransportiert werden, bis Moritz Klein sein Grübeln beendet und „tja“ gesagt hatte. Nach drei Minuten beendete Moritz Klein sein Grübeln und sagte „tja“.
Er blickte sich um, als sei er soeben aus einem bösen Traum erwacht, betrachtete jede und jeden Einzelnen am Tisch, bis sich sein Blick an einem Gesicht festbiss, einem Gesicht, das immer unruhiger wurde, zu transpirieren begann, seltsam zuckte. Dann sagte Moritz Klein mit legerer Stimme: „Gleich kommt eine Person durch die Tür, eine Person, die wir alle kennen. Wir werden überrascht sein, doch jemand unter uns wird mehr als überrascht sein.“
Die Rentner erstarrten. „Bäh“, stöhnte Marxer und wischte sich mit der Zungenspitze über die dunklen Flecken, die der unsachgemäße Gebrauch eines Eyeliners in den Mundwinkeln hinterlassen hatte. „Machs nicht so spannend, Junge, du bist keine Lady of Crime, Agatha Christie ist tot.“
Moritz Klein schenkte diesem Auswurf keinerlei Beachtung. Er hieß Hermine zwei Bier zu zapfen, eines für ihn, das andere für die gleich erscheinende Person. Hermine tat wie geheißen, sie war beinahe paralysiert. Alles wartete nun, die Blicke fest auf die Tür gerichtet, durch die jetzt nur der gedämpfte Lärm der Straße drang. „Und wann kommt die Person nun?“ fragte Borsig ungeduldig, wurde aber vom Rest der Gäste und dem Personal ausgezischt. In guten Krimis wird das Spannende immer zelebriert und hinausgezögert, das wusste sogar der dümmste Leser.
Endlich öffnete sich die Tür und Lydia Gebhardt betrat die „Bauernschenke“. Niemand sagte etwas. Wirklich niemand? Doch, eine Person stieß, wie von Moritz Klein prophezeit, einen unterdrückten Schrei traumatischer Überraschung aus und wisperte dann mit tränengefüllter Stimme: „Mutter!“
Sofort richteten sich alle Blicke auf Annamarie Kainfeld, die totenblass geworden war. „Mutter?“ stammelte Marxer und griff nach der Rechten der Geliebten, einer eiskalten Hand. „Die Alte ist deine Mutter? Hallo? Wo sind wir hier? In einer Rosamunde-Pilcher-Schmonzette oder wo?“
Moritz Klein nickte und winkte Lydia Gebhardt an den Tisch. Sie hatte sich provisorisch zurecht gemacht, sah nicht mehr ganz so zerrupft aus wie vor einer Stunde. „Ja“, sagte sie, „Annamarie ist meine Tochter aus erster Ehe mit Philipp Kainfeld, dem Erben der Kainfeld-Betriebe, die durch eine Intrige seines verbrecherischen Bruders Egon B. Kainfeld in dessen Hände übergingen, so dass wir mittellos wurden und Annamarie zur Adoption freigeben mussten. Erst vor zwei Jahren haben wir uns wiedergesehen, Philipp ist leider schon vor zehn Jahren bei einem mysteriösen Jachtunfall ums Leben gekommen. Außerdem weiß ich nicht einmal sicher, ob er überhaupt Annamaries Vater ist oder doch dieser süße Surflehrer, den wir damals im Cornwell-Urlaub kennenlernten. Er war übrigens ein deutscher Krimiautor, der gerade für ein Buch im Surfermilieu recherchierte.“

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