20.04.2012 –499–

Erst zu Hause, in der Stille meiner Wohnung, wurde mir bewusst, wie ich in den letzten Wochen zu einer öffentlichen Person geworden war. Dass ich dabei auch noch einer regelmäßigen Arbeit nachging, beunruhigte mich dabei fast noch mehr als der Umstand, mehreren Mordanschlägen mit knapper Not entronnen zu sein. Kurz: Irgendwie nervte mich gerade der Anblick menschlicher Gesichter, aus denen Blicke, Gesten und Wörter fielen wie Ausscheidungen aus Inkontinenten.

Okay, blödes Bild. Aber jetzt war ich alleine, jetzt konnte ich mir geschmacklose Bilder erlauben. Als Glücksbeauftragter der Bundesregierung sagte ich mir: Moritz, Glück ist, wenn dich niemand fragt, was Glück sei und dir sowieso Konjunktiv I und II am Allerwertesten vorbei gehen dürfen. Koch dir einen Kaffee, setz dich ruhig an den Tisch, trink und denk an nichts (leichteste Übung), nicht einmal daran, dass es gleich an der Tür klingeln und diese ganze abstruse Geschchte weitergehen könnte.
Ich kochte Kaffee, setzte mich ruhig an den Tisch, trank – und es klingelte an der Tür. Nicht aufmachen. Es klingelte noch einmal, ich machte noch einmal nicht auf. Es klingelte ein drittes Mal, ich blieb ein drittes Mal sitzen. Und stellte fest, dass es genauso anstrengend sein konnte, etwas nicht zu tun wie etwas zu tun und eigentlich tut man ja dabei auch etwas, nämlich nichts. Es klingelte kein viertes Mal und deshalb stand ich auf um nachzuschauen, wer hoffentlich nicht mehr vor der Tür stand.
Es war ein bekanntes Gesicht, in das ich blickte und dessen Besitzerin soeben den Finger auf den Klingelknopf gelegt hatte. Dumm gelaufen. „Aha“, sagte ich nur. Und aus dem leicht überraschten Gesicht echote es eine halbe Oktave höher ein „Aha“ zurück. Lydia Gebhardt sah mitgenommen aus. Sie trug ein noch vor kurzem sicher elegant zu nennendes blaues Kostüm, das jetzt erkennbar in ungebügeltem Zustand am für teuer Geld restaurierten Körper abhing wie ein Chiller im Bergwerk von Großmuschelbach. Die feinen Nylons bestanden praktisch nur noch aus Laufmaschen und flüchteten verschämt in italienische Pumps, als sei Silvio Berlusconi persönlich hinter ihnen her. Das Gesicht selbst war ungeschminkt und ein einziger Appell, gewisse Gesichter müssten sofort und immerdar zugespachtelt werden, die Welt ist auch so schon verkorkst genug.
„Darf ich reinkommen?“ Es war die Stimme einer gebrochenen und erschöpften Frau, was mein steinernes Herz sogleich erweichte. Ich gab den Weg frei. Es roch noch nach frischem Kaffee, Lydia Gebhardt schnupperte sehnsüchtig. Ich nahm eine zweite Tasse aus dem Schrank, ich konnte eh nicht mehr alle in demselben haben, wenn ich diese Frau in meine Wohnung ließ.
„Na, wie geht’s?“ fragte ich völlig überflüssigerweise und mit dem gescheiterten Versuch, jede Spur von Häme zu vermeiden. Lydia Gebhardt stöhnte auf und nickte. „Sehen Sie doch selbst. Ich bin am Ende.“ „Selbst schuld“, sagte ich unbarmherzig und meinte es auch so. Wieder nickte sie. „Weiß ich doch.“ Aha, dachte ich, hier wird gerade die alte Schmierenkomödie „Alte Sünderin“ aufgeführt. Und tatsächlich. Als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich den Titel des Stücks errate, begann Lydia Gebhardt bitterlich zu weinen.
Ich registrierte diese beachtliche schauspielerische Leistung gezwungenermaßen, sah demonstrativ auf meine Uhr und bemerkte: „Kürzen Sie die Nummer bitte ab, ich hab gleich noch einen Termin.“ Schlagartig hörte Lydia Gebhardt zu weinen auf, auch nicht schlecht, das musste man ihr lassen. „Ich kann kein Mitleid von Ihnen erwarten“, stellte sie sachlich und rechnerisch richtig fest, „aber wir können vielleicht einen Deal machen. Ich sage Ihnen alles, was ich weiß und Sie helfen mir, wieder auf die Beine zu kommen. Straffreiheit und so. Jetzt, wo Sie ja quasi im Staatsdienst sind.“
Beinahe hätte ich gelacht, beherrschte mich jedoch. Lydia Gebhardt ging von einer falschen Annahme aus und das Leben hatte mich gelehrt, Frauen stets in falschen Annahmen zu belassen. Denn wenn sie erst einmal die Wahrheit herauskriegen, werden sie unausstehlich.

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