19.04.2012 –498–

„Peinlich“. Es brauchte nur dieses eine Wort, um sie synchron zum Nicken zu bringen. Oh ja. Peinlich. Sie saßen in einer Kneipe, die aussah wie eine soeben aufgelöste Schleckerfiliale und genauso roch. Nach ausgelaufener Zahnpasta, parfümierten Monatsbinden und dem Angstschweiß der Verkäuferinnen. „Es wird dringend Zeit für eine geregelte Ausbildungsverordnung“, murmelte Rüchel, „IHK-Prüfung nach dreijähriger Lehrzeit, einheitlicher Lehrplan, Abschlussprüfung, pipapo.“ Schmeichel seufzte lange in sein Bier. „Utopisch, mein Lieber. Der Beruf des Killers ist genauso ungeschützt wie der des Krimiautors. Jeder darf und nennt sich dann bei Facebook Krimiautorin Beate Wollbrust oder so.“

„Er hat mit einem Regenschirm getötet.“ Es braucht nur diesen einen Satz, um ihnen synchron die Mägen umzudrehen. „Wie die Bulgaren früher“, bestätigte Schmeichel, „deshalb ist der Ostblock zugrunde gegangen, keine Qualität mehr nirgends. Am Ende hatten sie nicht einmal mehr die Devisen, sich das Gift aus den USA zu importieren und haben das landeseigene Bier genommen.“ „Und wir waren dabei“, schauderte Rüchel. „Wir wurden Zeugen dieses fürchterlichen Dilettantismus. Wenn das rauskommt, sind wir erledigt.“ „Sowieso“, nickte Schmeichel. „Dieser Moritz Klein… er hat mich erkannt. Und wenn er mich erkannt hat, dann kennt er auch Sie.“ Rüchel überlegte. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Aber war wohl so.
Schmeichel dachte nach. Fakt war, dieser Klein hatte ihn gesehen, es war ein Mord passiert, an dem zwar dieser andere Schuld hatte, aber trotzdem: sehr unerfreulich. Rüchel sah Schmeichel beim Nachdenken zu und dachte selbst: Er baldowert etwas aus. Klein. Er will ihn beseitigen. Schmeichel sah Rüchel beim Nachdenken über sein, Schmeichels Nachdenken zu und dachte: Er überlegt gerade, wie ich es anstelle, diesen Moritz Klein von der Liste meiner unliebsamen Zeugen zu streichen.
„Wie wollen Sie es anstellen?“ fragte Rüchel mit gespielter Gelangweiltheit, während er sich flüchtig in der Kneipe umsah. Das war bis vor kurzem wirklich eine Schleckerfiliale gewesen, an der Wand hingen noch die Plakate mit den Sonderangeboten. „Natürliche Todesursache“, antwortete Schmeichel. Rüchel nickte voller Verständnis. So würde er es auch anlegen. „Gemeinsames Brainstorming?“ fragte Schmeichel und Rüchel nickte. Ganz nett, sich mal mit dem Kollegen auszutauschen, obwohl ihn selbst die Sache ja wenig anging. Oder doch mehr? Er war nicht hier, um Moritz Klein ins Reich der Toten zu schicken, aber nun: Schmeichel hatte auch einen anderen Auftrag.
„Herzinfarkt“, sagte Rüchel. „Cool“, antwortete Schmeichel und runzelte gleichzeitig die Stirn, als zögen dahinter gerade Zweifel wie schwarze Wolken über den Horizont. „Es gibt südamerikanische Pflanzengifte, die schwer nachweisbar sind und zu Herzstillstand führen.“ Schmeichel nickte. „Ja, ich habe schon damit gearbeitet. Schwer zu bekommen, gefährlich in der Handhabung, ziemlich teuer.“ „Hm“, machte Rüchel. „Der Reisewecker.“ Schmeichel faltete nun seinerseits die Stirn. „Der Reisewecker?“
Es war eine Tötungsart, die Rüchel von seinem großen Lehrmeister, dem leider völlig vergessenen Egon Baldrian gelernt hatte. Sie ähnelte nicht nur dem natürlichen Dahinscheiden, sie WAR natürliches Dahinscheiden. Nachteil: Man brauchte Zeit und etwas Glück. „Erzählen Sie“, sagte Schmeichel. „Nun“, begann Rüchel, „im Grunde ist es sehr einfach. Ein Päckchen, ein tickender Wecker darin. Man bindet das Opfer aufs Bett, erzählt ihm, das da sei eine Zeitbombe und er habe noch genau zwei Stunden zu leben. Dann lässt man Opfer und Bombenimitat allein, kommt nach zwei Stunden zurück und das Opfer ist vor lauter Angst und Aufregung an einem Herzinfarkt gestorben. Man löst die Fesseln, beseitigt alle Fingerabdrücke, nimmt das Päckchen und geht.“ Schmeichel hatte interessiert zugehört. Jetzt nickte er zustimmend. „Sehr schön. Und wo ist der Haken?“

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