18.04.2012 –497–

Am Rentnerstammtisch palaverte man schon lange nicht mehr über dritte Zähne, Praxisgebühr und Stalingrad. Seit hier jeden Abend neue tolle Frauen auftauchten, sprach man über die Aktienkurse von Viagraherstellern, die 999 Möglichkeiten, guten Sex als Gedankenspiel zu praktizieren und, sehr wichtig, die alte Frage, warum Frauen auf Männer auch dann anziehend wirkten, wenn sie selbst kaum etwas an hatten.

Der alte Reichenbach, 80, hatte noch die Beatles 1965 bei der Bravo-Blitztournee in München erlebt. Er hätte sogar einmal beinahe mit Twiggy geschlafen, wenn er sie auf der Straße nicht glatt übersehen hätte, so dünn war die gewesen. Er konnte blutjunge Studentinnen bei den 1.Mai-Demos an der geometrischen Figur ihrer Brustwarzen erkennen, und das nötigenfalls mit verbundenen Augen, Hauptsache, die Hände waren frei. Reichenbach hatte, wie alle älteren Leute, eine Theorie.
„Wie und mit was eine Frau bekleidet ist, also Jungs, mal ehrlich, das ist doch relativ! Für mich ist auch ne Frau in voller Skimontur splitternackt. Das nennt man optische Täuschung, Leute, ein Gendefekt. So wie Frauen den Gendefekt haben, dass sie immer und überall Klamotten sehen, zum Beispiel im Boutiquen, deshalb wollen die auch immer dort rein und welcher Mann versteht das schon.“
Diese wissenschaftliche Erklärung überzeugte den Stammtisch voll und ganz. Sie machten die Probe aufs Exempel und schauten konzentriert zum großen Tisch in der „Bauernschenke“ hin, wo jetzt ein Halbdutzend begehrenswerter Frauen hockte. Die Russin mit ihrer Freundin, dann diese eine da, ziemlich neu noch, sie hatte mit Marxer geflirtet, dann die andere, die mit dem blassen Jüngling rumgemacht hatte, den man in letzter Zeit auch nicht mehr gesehen hatte. Ganz frisch die beiden etwas herben, aber umso reizenderen Schönheiten, die irgendwie schlecht auf Highheels unterwegs waren. Und, leider: Irmi vor ihrem Eierlikör, der erotischer sein durfte als seine Trinkerin. Und tatsächlich: alle nackt! Man musste nur genau hingucken! Alle – bis auf Irmi, dem gnädigen Gott sei es gedankt. Hier versagte der Gendefekt glücklicherweise. Als dann auch noch Borsig mit seinem Ringerinnentrio das Lokal betrat, griffen die Rentner kollektiv zu ihren Herztropfen.
„Ihr braucht Namen“, sagte Oxana, Marxer und Kriesling-Schönefärb musternd. „Namen?“ fragten die wie aus einem Mund. „Frauennamen“, präzisierte Oxana und Sonja Weber flüsterte, den Mann an ihrer Seite errötend anschauend: „Vera.“
„Hübsch!“, nickte Oxana anerkennend, während Annamarie Kainfeld angestrengt überlegte, wie sie dieses irgendwie geschlechtslose Wesen an ihrer Seite aus Gründen der Konspiration nennen konnte. „Marga? Das klingt wie Marxer, da fühlt er sich gleich angesprochen“, ulkte Borsig und handelte sich einen zärtlichen Rippenstoß Nancys ein, die für „Freya“ plädierte, „schließlich ist er ja freya Schriftsteller, oder?“
So kalauerte man sich zum nächsten Bier, bis Irmi als Stammesälteste die Diskussion beendete. „Beate, basta“, beschied sie und alle nickten, selbst Marxer. Beate hatte er schon als Kind heißen wollen, Mädchen schafften es im Kindergarten irgendwie leichter, über die Runden zu kommen.
„Apropos Beate“, sagte Hermine, „wo ist eigentlich Moritz?“ Wusste niemand. Die jüngere Vergangenheit hatte sie gelehrt, dass Moritz Klein das besondere Talent besaß, jede gequirlte Kacke mit schlafwandlerischer Sicherheit anzusteuern, wahrscheinlich war er in über 90 Prozent aller völlig beschissenen Situationen verwickelt. Weltweit. „Er wollte noch was erledigen, aber fragt mich nicht, was.“
Marxer, das heißt Beate, winkte ab. „Dem passiert schon nichts. Der ist doch fein raus, der ist doch Bundesbeauftragter.“ „Eben“, antwortete Oxana, „da ist sowieso was faul, ganz klar. Ich ruf ihn mal an.“
Moritz Klein meldete sich nicht. Sein Handy war an, aber niemand ging ran.

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