17.04.2012 –496–

Kriesling-Schönefärb steht vor dem Spiegel im Badezimmer und zieht sich die Augenbrauen nach. Ein leichtes Dunkelblau akzentuiert seine eher blasse Gesichtsfarbe, Sonja hat ihm auch gezeigt, wie man die Augenbrauen zupft und den Kajalstift effektiv einsetzt. Morgen würde sie ihm beibringen, sich die Beine mit Hilfe von warmem Wachs zu enthaaren. Man muss etwas aufpassen, aber dann ist es glatter als beim Epilieren. Kriesling-Schönefärb glaubt ihr.

Die Berliner Abmachungen beinhalteten, dass er und Marxer das Haus nur in Verkleidung verließen. Das bedeutete: Rasieren bis zum Umfallen. Bedeutete: Sich um das kümmern, worum sich Männer im Allgemeinen nie kümmern, um den Inhalt ihrer Kleiderschränke nämlich. Glücklicherweise waren er und Sonja in der Konfektionsgröße nicht allzu weit entfernt, das beinahe asketische Leben des einstigen Karrierebeamten zahlte sich aus. Nur in Stöckelschuhen zu laufen, das kostete Übung und Nerven. Seine Achillessehnen nahmen es ihm übel, man gewöhne sich daran, hatte Sonja getröstet.
Überhaupt: Sonja. Sie war eine merkwürdige Frau, ein Wesen zwischen den Fronten, ein Rätsel und ein offenes Buch. Sie hatte sein Leben verändert, keine Frage, aber was in den letzten Wochen hatte sein Leben nicht verändert? Mit Schaudern gedachte er der Begegnung mit IHM, dem geächteten Mann, dem Zurückgetretenen, dem Versager. Hätte er dem gar nicht zugetraut. Es ging um Deutschland, nein, es ging um die ganze Welt. Der Plan, den ihnen der Mann eröffnet hatte, klang phantastisch, wie aus der Feder eines sehr ambitionierten Autors von Science-Fiction-Romanen. Kriesling-Schönefärb und Marxer hatten mit offenen Mündern dabeigesessen, zugehört, genickt, ohne wirklich zu verstehen, was ihnen der Mann da erzählte, ohne daran zu glauben. Doch keine Frage: Sie waren Teil des Spiels geworden, aussteigen unmöglich.
Mein Gott, die Frisur! Er hasste diese Perücke, sie fühlte sich nicht echt an, obwohl man ihm versichert hatte, sie sei aus echtem Menschenhaar gefertigt, chinesische Wanderarbeiterinnen. Schlimmer noch war der Büstenhalter, ein sogenannter Brush-Up, der allerdings dort, wo es nichts zu brushen gab, krachend versagte. Kriesling-Schönefärb stopfte sich Watte in die Körbchen, achtete darauf, es gleichmäßig zu tun. Ja, er war eitel. Wenn schon Frau, dann auch eine mit begehrenswerten Brüsten. Marxer nahm es da nicht so genau, wie überhaupt Marxer in puncto weibliche Schönheit nicht mit ihm, Kriesling-Schönefärb, konkurrieren konnte. Das glaubte nur diese Annamarie Kainfeld, kein Wunder.
Lippenstift, eine Kunst für sich. Er sei ein Naturtalent, hatte ihn Sonja gelobt, seine Hand sicher, der Strich ohne abzusetzen, dunkelrot stehe ihm, sie küsse ihn gern. Das hatte Kriesling-Schönefärb durchaus gefallen, wenn es ihn auch daran erinnerte, dass Sonja dem weiblichen Geschlecht auf eine Weise zugetan war, die ihn beunruhigte. Andererseits war er tolerant. Seine Geliebte mit einer Frau zu teilen, das war kein eigentliches Teilen. Eher eine Ergänzung. Dennoch: Die Hemmschwellen der Erziehung hatten ihn immer noch im Griff, er würde sich ihrer entledigen müssen. Saßen die Brüste? Er drehte sich ins Profil, begutachtete die Erhebungen kritisch. Wunderbar. Darüber eine enge weiße Bluse mit Rüschen, dazu einen ebenfalls engen schwarzen Rock aus Sonjas Fundus. Nein, er würde sich bald selbst eine Garderobe zusammenstellen müssen. Vorher noch stell an den Geldautomaten.
„Bist du bald fertig?“ Marxer ungeduldig an der Badezimmertür. Mein Gott! Er brauchte nun einmal seine Zeit, er war eine Frau, die auf sich hielt! Bis man erst einmal die Strumpfhosen an hatte, davon machte sich Marxer keine Vorstellung. Bestimmt würde er im Hosenanzug das Haus verlassen, auf flachen Schuhen wie ein Bauarbeiter. Außerdem war sein Hintern viel zu breit, die Taille als solche längst nicht mehr vorhanden. Ich möchte wissen, wie seine Beine aussehen, dachte Kriesling-Schönefärb. Und die Lippen schminkt er sich auch nicht, ganz zu schweigen von den Augenbrauen. Dafür hatte Marxer Naturtitten, die mit Watte nur noch verstärkt werden mussten.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s