16.04.2012 –495–

Die Frau hat ihr Buch in die Handtasche gesteckt und ist ausgestiegen. Sie hat dem Zug nachgeschaut, bis sie die Rücklichter nicht mehr sehen konnte, sie gruselt sich ein wenig. Lesen, sagt sie, lesen heißt aus der wirklichen Welt verschwinden, aber manchmal gerät man über das Lesen gerade in diese wirkliche Welt, so wie eben. Dieser Mann mit dem Regenschirm, dieser Mann, der sie voller Missfallen beäugt hat. Und was hat sie getan? In einem Buch gelesen, in dem ein Mann mit einem Regenschirm im Zug sitzt und eine Frau, die in einem Buch liest, voller Missfallen beäugt. Jetzt steht sie da, dreht sich um und blickt auf die Straße, die sie entlanggehen wird, wie sie es seit 20 Jahren tut, seit sie mit diesem Zug fährt, seit sie Arbeit in der Stadt hat, seit sie in Büchern liest, weil man nichts anderes tun kann in Zügen. Sie seufzt, sie klopft auf die Tasche, in der das Buch beult.

In diesem Buch geht es wie gesagt um einen Mann mit Regenschirm. Er ist ein Killer und er hat Sorgen. Nein, das ist kein Buch von Guido Rohm, das ist ein Buch von Konstantin Marxer, der sich über die Umsonstkultur und die Piraten ereifert hat, weil die ihm das Urheberrecht stibitzen wollen, deshalb hat er sich einen Button ans Revers gepappt, auf diesem Button steht: „JA zum Urheberrecht“. Marxer – er hat gerade mit Annamarie Kainfeld geschlafen und, mon dieu, was für ein Orgasmus, was für eine Zigarette danach – Marxer also sitzt wieder am Schreibtisch, Annamarie Kainfeld hat ihn verlassen, um in der „Bauernschenke“ schon mal zwei Plätze frei zu halten, Marxer wird nachkommen, er muss jetzt – wie immer nach einem Orgasmus, wie immer nach einer Zigarette im Anschluss an diesen Orgasmus – etwas schreiben, er muss kreativ werden, er muss sein Urheberrecht ausbauen – Marxer also hat auch, das ist recht selten bei Krimiautoren, neulich ein Buch gelesen und sofort wieder vergessen, eins von Guido Rohm nämlich, die Sorgen der Killer, und nachdem er es vergessen hatte, saß er auch schon am Schreibtisch und schrieb einen Roman über einen Killer, der ziemliche Sorgen hatte.
Erstens: Der Killer hatte gerade versagt und eine Frau getötet, obwohl er eigentlich einen Mann töten wollte. Zweitens: Der Killer hat eine Ehefrau zu Hause, die nicht weiß, dass sie einen Killer zum Ehemann hat, sie glaubt, er gehe einem ehrenwerteren Gewerbe nach. Drittens: Der Killer mag keine Frauen, die in Zügen sitzen und in Büchern lesen, vielleicht hätte er es gerne umgekehrt, also Frauen, die in Büchern sitzen und in Zügen lesen, keine Ahnung.
Marxer befindet sich in einem seltsamen Schwebezustand. Auf der einen Seite der gerade erlittene Orgasmus, auf der anderen der gerechte Zorn über die Urheberrechtsdiebe und auf einer imaginären dritten Seite die Gelangweiltheit eines Schöpfers, der gerade keinen Bock hat, eine lineare Geschichte zu erzählen, der vielmehr Bock darauf hat, ein bisschen Metakriminalliteratur zu schreiben, in der Frauen, die in Zügen sitzen und in Büchern lesen, über Frauen lesen, die in Zügen sitzen und in Büchern lesen und jetzt am Bahnsteig stehen und nicht wissen, dass in dem Buch, das sie gelesen haben, auch von Frauen berichtet wird, die an Bahnsteigen stehen und keine Ahnung haben, dass über sie geschrieben wird, weil so weit sind sie noch nicht, können sie noch gar nicht sein, weil sie das Buch ja zuklappen mussten, als es ans Aussteigen ging.
Das ist jetzt wunderbar komplex, denkt Marxer, und weil es so wunderbar komplex ist, ist es Literatur. In seinem Text geht es natürlich auch um einen Autor, der gerade einen Orgasmus erlitten und dieses Erleiden mit einer Danachzigarette betäubt hat. Versteht sich. Es geht auch darum, dass dieser Autor gleich mit dem Schreiben aufhören wird, weil er dringend in die „Bauernschenke“ muss, wo schon die Gefährten auf ihn warten, auch SIE, Annamarie Kainfeld, die er keine Sekunde länger als unbedingt von nöten aus den Augen lassen darf, denn die Welt ist voller Autoren, schnauzbärtigen Nobelpreisträgern etwa, die, nachdem sie Israel einen Angriffskrieg unterstellt haben, jetzt mal was Junges fürs Bett abgreifen wollen. Genau, sagt Marxer und hört auf zu schreiben.

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