15.04.2012 –494–

Er war verärgert. Hatte sich der Typ so schnell bewegen müssen? Wie sollte man sich als solider Killer auf diese launischen Opfer einstellen? Nun ja, wenigstens dann hatte er instinktiv richtig und schnell gehandelt, den Ort der Tat schleunigst verlassen, schleunigst, aber nicht zu überstürzt, zu panisch, um Aufmerksamkeit zu erregen. Um die Frau tat es ihm leid. Hätte nicht sein müssen, nein. Aber wer weiß schon, was das für eine war. Eine wie die, die er zu Hause hatte, den ganzen Tag keifend, nichts konnte man ihr recht machen, ja, wären ihre Ansprüche nicht zu hoch gewesen, er würde noch immer als Ausbeiner auf der Hühnerfarm arbeiten.

Jetzt saß er im letzten Zug heimwärts. Ihm gegenüber eine Frau, die in einem Buch las, er hasste das. Lesende Frauen. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, seinen Schirm… aber nein. Die Mordlust war ihm vergangen, er war ernüchtert, enttäuscht, wiewohl ihn beim Stechen mit der Regenschirmspitze ein Orgasmus heimgesucht hatte, einer, der, als der Irrtum erkannt war, abrupt abbrach. Er sah aus dem Fenster, wollte sich ablenken. Aber draußen gab es nichts zu sehen, draußen war es schwarz wie die Nacht, ja, es war die Nacht persönlich. Hoffentlich kam das nicht raus! Er hatte versagt! Und Berufskollegen hatten ihm bei diesem Versagen zugeschaut! Gott sei Dank gab es keine Zeitschrift für Berufskiller, die würden ihn alle auslachen. „Der Mann aus Großmuschelbach killt die Falsche! Erlebnisbericht unseres Redaktionsmitglieds XY“. Nicht auszudenken, diese Schande! Was las die da eigentlich? Egal.
Er sah lieber weiter in die Nacht, die ihm nichts zu sehen gab. Ein paar Lichter. In wenigen Minuten der gespenstische Anblick der Hühnerfarm, zuckende Blitze auf dem Dach. Seit sie die Ravehochburg waren, fungierte die Farm als überdimensionierte Werbeanlage, ein Lautsprecher begrüßte die Anreisenden unablässig mit „Welcome in Chickcity, dance bis der Arzt kommt, Alter!“ Das hasste er auch.
Der Anblick der Fabrik, das Versagen im Job, diese Frau, die ein Buch las – all das drückte den Mann in eine leichte Depression, die sich verstärkte, als endlich die von Lichterketten umsäumte Silhouette der Hähnchenmastanlage sichtbar wurde. Die Frau war inzwischen mitsamt ihrem Buch ausgestiegen, wenigstens ein Lichtblick. Eine Minute lang erinnerte sich der Mann an die schöne Zeit des Ausbeinens, wenn man ein geschlachtetes Tier nahm, an beiden Keulen packte und – zack auseinanderriss. Er war der ungekrönte König der Ausbeiner gewesen, an den Keulen hing nie zu wenig, nie zuviel Fleisch, man konnte sie gleich eintüten, der Rest wanderte als Hühnerfrikassee nach Afrika.
Und heute? Fuhr er jeden Tag in die Stadt, seine Frau wusste nichts von seiner Arbeit, er hatte ihr erzählt, in einer Firma beschäftigt zu sein, die Eier freilaufender Hühner zu Fertigrührei verarbeitete und in alle Welt exportierte. „Und was machst du da?“ hatte die Frau gefragt. „Ich rühre um“, hatte er geantwortet. So fuhr er jeden Tag hin, fuhr jeden Tag zurück, saß in Cafés und langweilte sich, denn der Job des Profikillers kannte keine sichere Konjunktur, manchmal gab es wochenlang nichts zu tun und feste Arbeitszeiten gab es schon gar nicht. Er hatte von „Schichtbetrieb“ gemurmelt, wenn er nächtliche Aushäusigkeit begründen musste. Dennoch war seine Frau misstrauisch geworden, durchsuchte seine Jackentaschen nach den Visitenkarten fremder Frauen. Eines Tages, das war ihm klar, würde die Situation unhaltbar sein. Wenn sie den Namen der Firma wissen wollte, für die er arbeitete, wenn sie sich wunderte, warum er immer sehr spontan und überstürzt zu seiner angeblichen Nachtschicht aufbrach.
Heute kam er pünktlich in Großmuschelbach an, ein paar Pendler stiegen mit ihm zusammen aus, man nickte sich zu, kannte sich flüchtig. Dieses ewige Gewumme der Bässe! Ihm drehte sich der Magen um. Seine Frau hatte schon einmal vorgeschlagen, er solle sich doch auch einen Job im Ravegewerbe suchen, als Chillgehilfe oder irgendwas. Er hatte nur genickt. Nein, es würde etwas passieren müssen. Etwas Schreckliches.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s