14.04.2012 –493–

„Och nö“, stöhnte Hermine, „nicht schon wieder Großmuschelbach! Weißt du, wie sie das Kaff jetzt nennen? ‚Funky Chicken Town‘! Das ist doch lachhaft!“ Ich nickte bitter. Das war aus der menschlichen Zivilisation und Kultur geworden, du musst nur irgendwo ein paar Lautsprecher aufstellen und jede Menge Bässe durchjagen, schon mümmelt der Plebs verzückt ‚Kullduuuur‘! Goethe drehte sich im Grabe rum, ich drehte mich im Bett rum, bekam eine Herminenbrust zu fassen und pries sie flötend als den Kilimandscharo (oder Kilomandscharo?) des Genusses, das Erhebende des Erheblichen.

„Hör auf zu dichten“, befahl Hermine, „erstens sind Gedichte eh zu nix gut, außer du willst nicht mehr nach Israel einreisen, zweitens muss ich gleich auf Arbeit, drittens wird mir dieser Nachmittagssex nicht zur Dauerausstellung, mein Lieber, das sag ich dir.“ Das sagte sie mir. Ja, schon klar. Ich hatte die Gemächer der Schönen einer Eingebung folgend aufgesucht, ohne Hoffnung, einfach nur so. Jonas und sein Mädchenduo waren mir über den Weg gelaufen, frisch geschniegelt fürs Zocken, der holde Knabe hatte mir umstandslos 30 Euro abverlangt, „Ja, Alter, Benzin wird teurer, Kippen werden teurer, Sex wird teurer, alles wird teurer, da muss unsereiner als Kleinstunternehmer auch mal die Gebühren erhöhen.“ Und Hermine hatte mir gnädigst mitgeteilt: „Okay, halbe Stunde hab ich noch, also mach hinne, aber nicht schludern.“
Ich hatte nicht geschludert. Duschwasser rauschte. Auf dem Rücken liegend, gegen die Decke paffend, meine Gedanken aufsteigen lassend wie Dampf aus einem überhitzten Wasserkessel. Wir leben in einer Killerwelt, jeder gegen jeden. Und wer noch nicht Killer ist, der poppt so vor sich hin. Großmuschelbach, Chickcity, Hühnerkackenstadt, das klang wie Eisenhüttenstadt. Das Duschwasser rauschte immer noch. Der Herminenleib wusch sich den Schweiß der Liebe in den Abfluss, der gurgelte wie nach einer Extraktion beim Zahnarzt. Kam es mir vor.
Ich beschloss, Borsig samt Athletinnentrio alleine nach Großmuschelbach zu entsenden, kramte mein Handy aus der Hose, die wie ein blauer Fleck auf dem Boden vor dem Bett lag, ich erreichte den kleinen Mann, der akzeptierte sofort. „Au ja, ich freue mich schon drauf! Weißt du übrigens, wie man Großmuschelbach jetzt nennt? Die Stadt der chillenden Hühner! Crazy, what?“
Völlig irre. Wir suchten einen Killer mit Regenschirm und das wahrscheinlich bei strömendem Regen, wo man vielleicht einen Killer ohne Regenschirm ausfindig machen könnte. Das Rauschen des Duschwassers hatte aufgehört, jetzt suhlte sich ein Frotteehandtuch in den Wonnen des Herminenleibes. Ich wurde eifersüchtig, ich hätte das Frotteehandtuch erwürgen können. Stattdessen stand ich auf, ging ins Bad, sah, dass das Frotteehandtuch erschöpft, aber glücklich am Haken abhing und ein nichtiger Slip die Umrisse des Paradieses wie eine undurchdringliche weiße Wand vor der Schlange schützte, die, wie ich mit einem kritischen Blick erkannte, schon wieder auf der Lauer lag. Ich seufzte und schlüpfte unter die Dusche. Das Wasser rauschte nur unter hörbarem Protest über den Moritzleib, der nach den kürzlichen Genüssen natürlich eine Enttäuschung sein musste. „Ich leg dir ein frisches Handtuch raus“, sagte Hermine, und dieses Handtuch tat mir jetzt schon leid.
Abgetrocknet und angekleidet ging ich in die Küche, wo Hermine dabei war, ihre Sachen für die „Bauernschenke“ zu packen. „Kommst gleich mit?“ Ich schüttelte den Kopf. „Hab noch was zu erledigen“, sagte ich, was natürlich nicht stimmte. Irgendwie sehnte ich mich gerade nach Einsamkeit, nach ein paar Minuten mit einem klaren Verstand. So sehnen sich andere nach einem Lottogewinn, ihre Chancen standen sicher besser als meine.
Wir verabschiedeten uns vor dem Haus und gingen getrennte Wege. Es war schon dunkel, es schneite noch immer nicht. Ich schaute mich um. Irgendwelche Killer in der Nähe? Sah nicht so aus.

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