13.04.2012 –492–

Ach, das war doch lächerlich! Was machte ich hier? Leuten nachschnüffeln, weil sich in meinem Kopf einer vager Verdacht gemeldet hatte. Deshalb spielte ich hier den Topspion, stellte mich wahrscheinlich dämlich genug an, die Frau da beispielsweise, sie schielte schon zu mir rüber, musterte mich wie ein Stück Fleisch. Nein, das war nicht nur lächerlich, das war geradezu peinlich. Ich, ein leibhaftiger Bundesbeauftragter, entblödete mich nicht, wie der letzte Nachrichtendienstler zu stalken.Und diese Reisewecker interessierten mich eh nicht die Bohne. Wann verreiste ich denn schon.

Ich beschloss, in der Cafeteria des Kaufhauses eine kleine warme Mahlzeit einzunehmen. War inzwischen auch zu ungemütlich hier, anscheinend gierte alle Welt nach preiswerten Reiseweckern, von rechts drängte sich ein Mann an mich heran, ich wiederum drängte mich an die Frau, die sich an den Mann, den ich beobachtete. Einen Schritt zurück treten, an der Frau vorbei, die, als ich sie passiert hatte, „aua“ sagte, sehr überrascht. Der Typ, das Objekt meiner Beschattung, schaute zu ihr hinüber, blickte sich um, weitete die Augen und entfernte sich ein wenig zu rasch von den Reiseweckern, beinahe hätte er mich umgestoßen. Wahrscheinlich hatte er die Frau in eine Pobacke gekniffen, also doch kein Killer, nur ein ganz normaler Sittenstrolch.

*

Ach du Scheiße, durchfuhr es Rüchel. Der Typ arbeitet mit der alten Giftspitze-am-Schirm-Methode! Das war vollkommen retro, absolut old school, total out, völlig verpönt. So hatten sich früher bulgarische Geheimagenten unliebsamer Dissidenten entledigt, aber die Zeiten waren echt vorbei.
Und der Typ war auch noch dumm wie Brot, hatte nicht Klein an der Wade erwischt, sondern die Frau neben sich. In dem Moment, da sich Klein offensichtlich entschlossen hatte, die Beschattung Schmeichels abzubrechen, an der Frau vorübergegangen war, ein bewegliches Ziel also, da hebt der Typ seinen Schirm, lässt ihn nach vorne schnellen, verfehlt Klein, trifft die Frau.
Die Frau stand bewegungslos vor den Reiseweckern, hielt sich fest, begann zu zittern. Nichts wie weg hier. Klein war bereits verschwunden, der hatte nichts mitbekommen. Schmeichel, das musste man ihm anerkennend lassen, hatte die Situation im Bruchteil einer Sekunde erkannt und sich vom Acker gemacht. Er, Rüchel, hinterher. In spätestens zwei Minuten würde die Frau zusammenbrechen.

*

Na ja, ich hatte schon besser gegessen. Aber was erwartet man schon von der Cafeteria eines Kaufhauses. Lauwarme Pommes, geschmacksneutrale Würstchen, Wiener Schnitzel, die als Wiener Paniermehl besser bezeichnet wären. Wenigstens saß ich auf einem stillen Plätzchen mit Aussicht auf die geschäftige Innenstadt. Rannte da unten nicht dieser Typ von eben? Nein, nicht rannte, aber er ging ziemlich schnell und hinter ihm ein anderer, auch sehr schnell und hinter dem – ein Mann mit einem Schirm. Du siehst Gespenster, Klein. Da unten laufen viele Menschen mit Schirmen, du wärst besser beraten gewesen, selbst einen mitzunehmen, es wird gleich schneien.
Ich widmete mich meiner schlechten, aber hoffentlich sättigenden Mahlzeit. In der Ferne das Tatütata eines Krankenwagens, dahinter das Tatütata eines Polizeiwagens. Irgendwo musste sich ein Drama ereignet haben, vielleicht ein Herzanfall, eine Schlägerei, keine Ahnung. Ging mich auch nichts an. Selbst als Glücksbeauftragter konnte ich mich nicht um jede Tragödie dieser Welt kümmern.

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