12.04.2012 –491–

War er tatsächlich nervös geworden? Dieser – Elfriede Mörl schickte ihm einen kurzen taxierenden Blick – gar nicht einmal so schlecht aussehende Mann, der sich brennend für Reisewecker zu interessieren schien? Sah fast so aus. Ihre Hände zitterten bei der Vorstellung, sich mit einem Mann zu vergnügen, der nicht nach zwei Minuten seine Zeit gekommen sah, endlich eine Zigarette zu rauchen und sich hernach auf die Seite zu wälzen, um den Schlaf des Gerechten, des ordungsgemäßen Begatters zu schlafen. Aber bevor es soweit kommen konnte, musste ER weg. Mit einem Messer im Bauch. Sie würde eins kaufen, vielleicht nicht heute – wer wusste schon, was der Tag noch brachte? – aber morgen ganz bestimmt. Das eine lange dort drüben aus dem Sonderangebot. 9,95, die konnte man investieren, mehr war der Typ eh nicht wert.

Den anderen Mann, der unauffällig näher kam, registrierte sie im Augenwinkel. Aha. Zufall sieht anders aus, dachte Elfriede Mörl. Ob Frauen, die sich ihrer personifizierten Langeweile zu entledigen trachten, um wieder OFFEN FÜR ALLES zu sein, einen speziellen Duft- und Lockstoff verströmten? Eine Aura um sich trugen, die Männer, die OFFEN FÜR ALLES waren, unwiderstehlich anzog? Schien beinahe so. Hm, der Mann kam ihr irgendwie bekannt vor. Sie wusste nicht, wo sie ihn einzuordnen hatte.
Sie dachte an das Frauengefängnis. Plötzlich hatte sie keine Lust mehr, lesbisch zu werden, obwohl sie durchaus bereit war, jede sich bietende Gelegenheit, neue Erfahrungen zu sammeln, mitzunehmen. Aber die Gefängniskleidung, davor graute ihr. Sie war vorhin durch die Dessourabteilung geschlendert, all die reizenden Nichtigkeiten im Blick, mit denen man verbergen wollte, dass man nichts zu verbergen hatte, auf die Männer abfuhren wie auf – haha, diese speziellen Duft- und Lockstoffe eben. Das alles würde es im Frauenknast nicht geben, dort trug man grobgeschnittene Kleidung aus kratzenden Stoffen, entweder zu groß oder zu klein.
Einen Überfall vortäuschen? Einbrecher kommt des Nachts in die Wohnung, wird von IHM überrascht, greift sich das nächstbeste Küchenmesser und stößt es IHM in den Bauch. Ein Einbrecher? Bei ihnen gab es nichts zu holen. Nicht einmal das schaffte er wirklich, dieser kleine kaufmännische Angestellte, der auf preiswerte Azubis zurückgreifen musste, nicht einmal in teuren Etablissements verkehren konnte. Je mehr sie an ihn dachte, desto mehr verachtete sie ihn.
Aber der zweite Mann, den kannte sie wirklich… nicht persönlich, nein, das gewiss nicht. Sie hatte sein Gesicht schon einmal gesehen, konnte noch nicht sehr lange her sein, denn Elfriede Mörl tendierte dazu, Gesichter nach spätestens einer Woche wieder zu vergessen, die ganze Fernseherei eben, immer diese Promifressen, diese Unterschichtvisagen. Nur SEIN Gesicht schwebte über allem, fratzte aus jedem Gedanken, war da und grinste breit vor allumfassender Langeweile. Sogar wenn sie fernschaute. ER war George Clooney, ER war Günter Jauch, ER war sogar Hildegard Hamm-Brücher.
Fernsehen! Der Glücksmensch! Genau, das war er! Sie schielte zu ihm rüber, er drehte und wendete gerade einen Reisewecker, weinrotes Etui, wäre ihr zu bieder. Ja, kein Zweifel möglich, das war er, dieser neue Glücksbeauftragte! Elfriede Mörl grinste innerlich, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie man innerlich grinsen konnte, aber sie tat es einfach, sie grinste wie ein Honigkuchenpferd, obwohl sie weder Honig noch Kuchen noch Pferde besonders mochte. Pferde schon gar nicht, Hengste sehr wohl, aber keine mit vier Beinen. Sie grinste jetzt innerlich ordinär. Was ordinär war, wusste sie.
Der Glücksbeauftragte! Ha! Ein Wink des Schicksals? Musste so sein. Er würde ihr Glück bringen, er würde es niemals erfahren. Sie käme davon, ade Frauenknast, welcome geiler Fremder. Ob der etwa auch… Was hatte sie bloß an sich? Diesen Duft- und Lockstoff? Sie stand jetzt zwischen den beiden, sie kamen immer näher. Sie fühlte einen kurzen stechenden Schmerz im Unterschenkel. Eine Stechfliege im Winter?

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