10.04.2012 –489–

Was gesagt werden muss: Wäre Marxer, der Dichter, zufällig an jenem Tag ebenfalls durch das Kaufhaus gestreift und hätte bemerkt, was sich da im ersten Stock zwischen Unterhosen und Messern, Kochtöpfen und Reiseweckern abspielte – sofort, nein, AUF DER STELLE hätte er ein langes Prosagedicht geschrieben. Musste man sich mal vorstellen! Da trieben sich drei Killer rum und bedrohten den Weltfrieden! Spielten mit dem Ankauf von Messern! Also der eine da, der von den anderen beobachtet wurde! Das war doch das eigentliche Schwein! Die anderen waren vielleicht auch Killer, aber wenn sie den Killer killten, waren sie doch liebe Killer, oder? Und die Welt schaute zu! Ahnte gar nicht oder wollte nicht ahnen, wie sich hier die globale Situation zuspitzte! Gab sogar DEN ANDEREN die Schuld dafür, dass sie den Killer ausschalten wollten! Es war unerhört, es war skandalös, da musste mindestens ein langes Gedicht her, darunter würde es Marxer nicht tun, denn das Wort war seine Atombombe, nein, besser, es war eine schmutzige Atombombe, wer Marxers Wort ausgesetzt war, würde nicht mehr lange leben.

Hm. Und was tat Marxer? Schrieb er ein Gedicht? Ja, er schrieb eins! Ein altmodisches, das sich noch reimte, ein Sonett wie weiland Shakespeare Sonette geschrieben hatte. Ging es um den Weltfrieden? War es ein Ich-bin-Nobelpreisträger-oder-möchte-gerne-Nobelpreisträger-werden-Gedicht? Mitnichten! Es war ein Liebesgedicht. In ihm pries Marxer sowohl die körperlichen als auch intellektuellen Vorzüge einer gewissen Annamarie Kainfeld, lobte ihre ausgefeilten Sexualpraktiken, interpretierte ihre beim Akt verbalisierte Lust als „die Musik, welche Götter auf ihren Harfen klimpern, wenn sie miteinander pimpern“, versprach, jene Annamarie Kainfeld ein Leben lang, ach was!, noch viel länger an sich zu binden, denn „Sie ist so eine Geile, das hält jetzt eine Weile“, erhoffte sich durch die Geliebte unendliche, ungeahnte Inspiration, „Mit ihr in die Kiste steigen ist wie im Elysium geigen, und wenn dann das Sperma tost, löst sich jeder Permafrost. Wörter rinnen aus der Feder, dieses Glück hat echt nicht jeder.“
Ein erschütterndes Dokument von Im-Elfenbeinturm-Sitzen, gewiss. Aber ein großartiges Sonett, keine Frage. Das Zeugnis einer großen Liebe in den Zeiten von Wirtschaftskrise, Irankrise, Benzinkrise – Marxers Gedanken bewölkten sich ein wenig, wenn er an die Benzinpreis dachte, kein Mensch konnte mehr den Tank seines Porsche bis zum Einfüllstutzen füllen, DAGEGEN sollten unsere angeblichen Literaturgrößen mal ein Gedicht schreiben und in sämtlichen Zeitungen veröffentlichen! „Heut Nacht da lieb ich dich wie Sau, mein Schatz, du weißt es ganz genau!“
Geschafft! Marxer war zufrieden. Er lehnte sich zurück, atmete durch, las sein Werk mit der Andacht eines Priesters, fand es natürlich großartig, druckte es aus, wollte es aller Welt zeigen, also Oxana, doch die war wieder einmal aushäusig. Und Sonja Weber? Auch von ihr nichts zu hören, dabei war sie gewiss in ihrem Zimmer, mit diesem Kriesling-Schönefärb, und sie schrieben gewiss kein Gedicht, sondern praktizierten, worüber Marxer soeben ein Gedicht geschrieben hatte.
Er sah auf die Uhr. Gleich würde sie kommen. Annamarie. Sie würden sich nackt auf den Teppichboden legen, Marxer würde ihr das Gedicht vorlesen, einmal, zweimal, dreimal… Dieses Gedicht war das ideale erotische Vorspiel, es war besser als jedes Kamasutra, fast so gut wie Austern, denen man ja ebenfalls eine gewisse Wirkung zuschrieb. Schnell ins Bad, duschen, Marxer war, wie immer nach ehrlicher schöpferischer Arbeit, verschwitzt. Einen Moment lang war er empört. Schöpferische Arbeit! Urheberrecht! Man wollte ihm sein geistiges Eigentum rauben! Ha! Aber nicht dieses Gedicht! Kein Mensch außer der Geliebten würde es jemals hören, jedenfalls heute nicht. Ob er einen ganzen Gedichtband zusammenschreiben sollte? „Gedichte für A.K.“, nein, „Erotische Sonette“, nein „Sperma mit Endreim“, ja, genau, das war ein prima Titel! Jetzt schnell den Schweiß abduschen! Er würde sich heute noch mehrmals unter den Strahl des reinigenden Wassers stellen.

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