08.04.2012 –487–

Elfriede Mörl war es nicht in die Wiege gelegt worden, Geschichte zu schreiben oder in einer Geschichte, die irgendjemand schrieb, vorzukommen. Elfriede Mörl war einfach im falschen Film, der in ihrem Fall ein falscher Roman war, den ein falscher Schriftsteller in der falschen Überzeugung, er sei ein richtiger Krimiautor, mit großem Enthusiasmus zu schreiben begonnen hatte. Elfriede Mörl hatte es in die Haushaltsabteilung des Kaufhauses verschlagen, eine 43jährige Frau, unscheinbar, verheiratet, genau das war das Problem. Verheiratet. Mit IHM.

Sie hatte schon längst damit aufgehört, ihn beim Namen zu nennen, ja, ihn beim Namen zu denken, wenn sie an ihn dachte, sie dachte unentwegt an ihn und das bereitete ihr Übelkeit. ER, der sie in einer schwachen Minute ihrerseits gekapert, geschwängert, geheiratet hatte, um sie fortan – nun schon im 20. Jahr – zu langweilen. Gut, damit konnte sie als eifrige Fernsehguckerin leben. Existieren heißt doch nur, du kommst aus dem Nichts und gehst wieder ins Nichts und dazwischen liegt Langeweile. In Ordnung. Aber dazwischen lag auch ER. Nicht mehr wortwörtlich, dem Herr sei Dank, diese sexuellen Zerstreuungen waren irgendwann einmal ausgelaufen, ER vergnügte sich nun mit seinen Auszubildenden, Männlein wie Weiblein, eine Art Selbstverwirklichung im Bisexuellen, nannte er das und zeigte ihr in regelmäßigen Abständen den Zeitungsartikel, der solches Verhalten als zutiefst menschlich und zivilisatorisch legitimiert verteidigte.
Elfriede Mörl begutachtete Kochtöpfe. Neben ihr stand ein Mann und tat das gleiche. Ja, Elfriede Mörl hatte damit begonnen, fremde Männer zu betrachten, zu begutachten wie Kochtöpfe. Der hier – der Mann – sah ganz interessant aus. Als poche ein Geheimnis hinter seiner Stirn. Der hier – der Kochtopf – war ebenfalls nicht zu verachten, sie würde bei der Garung von Kartoffeln und Gemüse ein hübsches Stück Zeit sparen, dass sie dann wieder dazu verwenden konnte, sich zu langweilen.
Aber daran dachte sie nur flüchtig. Etwas anderes saß in ihrem Kopf, ein ebenso gutartiger wie bösartiger Tumor, etwas, das wuchs, in all den Jahren gewachsen war. IHN beseitigen. Einfach aus der Welt schaffen, Platz für etwas anderes, für das wahre Leben, für etwas jenseits der Langeweile. Küchenmesser, dachte Elfriede Mörl, ich brauche ein richtig langes, spitzes Küchenmesser. Nur für den einen Zweck und der wird nicht darin bestehen, den Sonntagsbraten in dünne Scheiben zu schneiden.
Schaudernd dachte Elfriede Mörl an die Folgen. Gefängnis. Jahrelange im Frauenknast. Sie würde dort natürlich lesbisch werden, das wurden sie dort alle, sah man doch im Fernsehen. Na und? Wenigstens nicht langweilig. Sie würde es natürlich so drehen müssen, dass es wie eine Tat im Affekt aussah. Eventuell sogar Notwehr? Hm, nein, ER war ja nicht gewalttätig. Nicht einmal das. Er war ganz einfach nur langweilig, zwei Minuten in seiner Gegenwart schläferten besser ein als jede Tablette. Aber Affekt klang gut. Dafür bekam man höchstens drei Jahre, sie würde sich gut führen und nach zwei Jahren wieder frei sein. Mit 45 und lesbisch. Das Leben würde beginnen können.
Elfriede Mörl schlenderte hinüber zur Messerabteilung. Sie hatten dort japanische Küchenmesser im Angebot, japanische Küchenmesser sind ja berühmt. Okay, sie sind auch teuer, aber das würde sich Elfriede Mörl etwas kosten lassen, nicht am falschen Ende sparen, das lohnte sich nicht. Der Mann schlenderte ebenfalls zu den Küchenmessern. Er hatte Falten auf der Stirn, als denke er angestrengt nach. Zufall oder folgte er ihr? Hatte sie seine Aufmerksamkeit erregt? Elfriede Mörl war nicht der Typ, der die Aufmerksamkeit eines Mannes erregte. Sie erregte überhaupt nicht. Nicht einmal IHN, nicht einmal früher, als sie sich kennengelernt hatten. Der wollte eine Frau, der er ein Kind machen und die ihm Essen und die Wäsche machen konnte. Eine Frau, die sich langweilen ließ, aber jetzt nicht mehr. Nein, er war reif. Er würde sterben müssen, so stand es im Drehbuch ihres Daseins, so wollte es der miserable Autor, in dessen ungelenken Formulierungen sie die Hauptrolle spielte.

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