07.04.2012 –486–

Mich zog nichts nach Großmuschelbach. Borsig und seine Athletinnen hingegen, die kurz nach drei völlig unerwartet in meinem Büro auftauchten, waren Feuer und Flamme. „Juhu, unsere Jungs dort! Wir werden ihnen einen gehörigen Schrecken einjagen!“ Sah ich auch so. „Was ist denn mit deiner Tippse los?“ wollte Borsig wissen. „Die hat so diesen männeraussaugenden Blick.“ Natürlich verwahrte ich mich gegen die diskriminierende Bezeichnung „Tippse“, musste dem kleinen Mann hinsichtlich seiner Einschätzung meiner Kaffeekocherin allerdings zustimmen. „Marxer? Willst du mich verarschen? Die steht auf Marxer? Das ist ja so, als würde ich auf Hildegard Hamm-Brücher stehen. Sexuell, meine ich jetzt.“

Ich war mir nicht sicher, ob Borsig insgeheim nicht doch für die Grande Dame der FDP schwärmte, traute es ihm aber zu. FDP? Für alle Spätgeborenen: Das war mal eine Partei, die mehr als 3 Mitglieder hatte und sogar eine sogenannte Klientele, hauptsächlich Hotelbesitzer, für die sie im Bundestag viele feine Sachen angestellt hat. Aber dies nur nebenbei. Mich trieben wichtigere Dinge um.
Nachdem der Besuch gegangen war, begab ich mich zu Annamarie Kainfeld, die mir ein wenig zu unproduktiv in ihrem Drehstuhl hockte und verträumt auf ihren Computerbildschirm starrte, wo gerade die Seite „Brautmoden“ mit allerlei hübschen Kleidchen jedes Mädchenherz höher schlagen ließ. Am linken Ringfinger meiner Sekretärin blinkte, blitzte, funkelte ein gleißnerischer Diamant. „Oha“, sagte ich und wies auf das Prachtstück, „von IHM?“ Selten wurde in einem deutschen Büro eine dämlichere Frage gestellt. Na ja, so sicher bin ich mir da auch nicht.
„Jaaaaaa“ hauchte die Gefragte und hielt mir das Ding vor die Nase. „Ich weiß gar nicht, wie viel Karat der hat, aber Konsti sagt, so viel Karat gebe es gar nicht, wie er mir…“ Ich hasse es, wenn verliebte Frauen Sätze abbrechen und sofort in ein längeres erotisches Gedankenspiel versinken. „Hm“, machte ich also mürrisch und wies auf den Monitor. „Und der nächste Coup ist auch schon geplant? Wollen Sie Ihren schönen Nachnamen behalten oder heißen Sie bald Marxer oder Marxer-Kainfeld oder Kainfeld-Marxer?“ Die noch Frau Kainfeld stutzte.“Oh mein Gott, darüber habe ich mir ja noch gar keine Gedanken gemacht!“
„Schön so“, lobte ich. „Und damit können Sie auch noch ein wenig warten. Wir sollten uns nämlich um unseren Internetauftritt kümmern. Jedenfalls, bevor Sie in Mutterschutz gehen und mich hier alleinlassen“ Annamarie Kainfeld errötete, was ihr sehr gut stand. „Ach Chef, nein, soweit sind wir noch nicht. Obwohl… Konsti hätte gerne einen Sohn, der einmal sein Geschäft übernimmt. Könnte auch eine Tochter sein, wäre vielleicht sogar besser. Er sagt, Krimiautorinnen hätten größere Chancen auf dem Markt.“
Wieder ein Thema, auf das ich mich nicht näher einlassen wollte. „Okay, kann ich nicht beurteilen. Aber ich würde vorschlagen, wir machen uns ab morgen verschärfte Gedanken über unsere Netzpräsenz. Facebookseite, Blog, Forum, Chat – keine Ahnung, was es so alles gibt.“
Feierabend. Ich war froh, diesem Pfuhl ungebändigter Gefühle, der sich Büro nannte, zu entkommen. Das Wetter hatte sich inzwischen entschieden und machte auf sonniger, dabei saukalter Wintertag, beeilte sich aber, in eine dunkle, noch saukältere Winternacht hinüber zu gleiten. Ich musste noch einige Einkäufe erledigen, wandte mich Richtung Fußgängerzone, wich den üblichen Heilsbringern, Zeitschriftenabo-Betrügern und Gitarrenklimperern aus, betrat ein Kaufhaus und suchte dort die Haushaltswarenabteilung, um mir endlich einen neuen Toaster anzuschaffen. Ich esse nie Toast, finde aber, dass sich ein solches Gerät auf dem Kühlschrank gut macht. Es steht für heimelige Bürgerlichkeit und nach der war mir gerade. Warum auch immer.
Hm, kannte ich den da vorne nicht? Den Typen hinter dem Stand mit den Kochtöpfen? Doch, kam mir irgendwie bekannt vor.

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