06.04.2012 –485–

Irre, dachte Rüchel. Er folgte einem Mann, der einem Mann folgte, der scheinbar ziellos durch die Stadt streifte. Eine Killerprozession. Rüchel kicherte. Der vor ihm war ein Amateur reinsten Wassers. Er hatte ihn schon vom Fenster seines Hotelzimmers bemerkt, ein Typ in einem Auto, der an einem Sandwich kaute und darauf wartete, dass irgendetwas geschah. Zuviel Agententhriller gesehen, konstatierte Rüchel. Wahrscheinlich hatte der die ganze Nacht da unten in seiner Karre gehockt und gewartet. Rüchel kicherte zum ersten Mal an diesem Morgen.

Und Rüchel wartete ebenfalls. Schmeichel war am Zug. Auch Schmeichel wartete. Rüchel war am Zug. Schon im Frühstückszimmer hatten sie sich belauert. Wer würde als erster das Hotel verlassen? Schließlich hatte Schmeichel fluchend aufgegeben. Er musste handeln. Eine Idee. Er brauchte unbedingt eine Idee. Er würde durch die Kaufhäuser flanieren, sich von Alltagsgegenständen inspirieren lassen. Würde ihm schon etwas einfallen, er kannte das, funktionierte immer.
Was sollte das? Der Mann war irritiert. Dieser Typ tat nichts weiter, als durch die Innenstadt zu gehen, an Schaufenstern stehenzubleiben, sich die Auslagen flüchtig oder eingehend zu betrachten. Da, jetzt interessierte er sich plötzlich für Trachtenmode! Geht’s noch? Trachtenmode!
Trachtenmode? Rüchel kann aus dem Kichern nicht mehr heraus. Warum interessierte sich Rüchel für Trachtenmode? Hatte er einen Plan? Oder war es ein Ablenkungsmanöver? Wusste er, dass man ihn beschattete? Gewiss, sagte sich Rüchel. Dieser Kerl, dieser blutige Anfänger, fällt auf wie eine Wurst in einem Veganerrestaurant.
Mann, dachte Schmeichel, wen haben sie mir denn da hinterhergeschickt! Er war in die Betrachtung eines Lodenmantels vertieft, von dem indes auch kein zündender Funke ausging. Schmeichel ärgerte sich. Der Typ hinter ihm beherrschte nicht einmal das von jeder Volkshochschule vermittelte Grundwissen erfolgreichen Beschattens, der konnte vielleicht grade mal beim Verfassungsschutz anfangen, dort nahmen sie inzwischen jeden mit der rechten Gesinnung. Ob Rüchel seinerseits diese Lusche beschattete? Anzunehmen. Na, die würden sich wundern.
Rüchel wunderte sich nicht, er langweilte sich nicht einmal. Schmeichels Vorgehensweise war interessant, sie ähnelte der seinen. Zunächst einen Plan organisch wachsen lassen, jede Möglichkeit genau prüfen, sich dann für die beste, die erfolgversprechendste entscheiden und ausarbeiten. Es musste perfekt sein. Was man brauchte, war Inspiration. Konnte natürlich auch sein, dass Schmeichel tatsächlich am Erwerb eines Lodenmantels interessiert war. Die Sachen kamen ja so langsam wieder in Mode.
Jetzt geht er ins Karstadt. Na ja. Der Mann war auf alles vorbereitet. Sollte der doch ins Karstadt gehen, wusste gar nicht, dass es dort auch Trachtenmode gibt. Er bleibt vor dem Parfümabteilung stehen und nimmt sich eine Nase von den Düften. Ist der etwa schwul? Hätte ihm gerade noch gefehlt. Jetzt auch noch Minderheiten killen, das kostete extra. Herrenunterwäsche. Er wühlt in einem Sonderangebot Liebestöter, drei Stück für 10 Euro. Mein Gott, wie langweilig. Eigentlich hatte er gedacht, Killer sei ein aufregender Beruf. So kann man sich täuschen.
Ihm fiel einfach nichts ein. Sogar die Unterhosen sagten ihm nichts, zündeten keinen Funken. Wenigstens verpasste er seinen Verfolgern einen höchst langweiligen Vormittag, war doch auch schon was. Was heißt Vormittag. Es war Essenszeit. Er würde in die Cafeteria hochfahren und sich das Tagesmenü gönnen. Bei einer abschließenden Tasse Kaffee überlegen.
Aha, dachte Rüchel, er kriegt Hunger. Gut. Ob er schon eine Idee hat? Glaub ich nicht. Er ist ein bedächtiger Killer, er arbeitet mit Köpfchen. Aber was zum Teufel wollte er bei den Herrenunterhosen?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s