05.04.2012 –484–

„Großmuschelbach? Oh mein Gott!“ Annamarie Kainfeld erschauderte, als ich ihr von meinem Besuch bei Claudia in der Kaffeebar berichtete. „Meine Eltern haben mir immer so ein Merk- und Warngedicht aufgesagt. ‚Kindchen, in Großmuschelbach liegt nicht nur das Kornfeld brach.'“ Nun erschauderte ich. „Ihre Eltern waren nicht zufällig Anhänger der Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Bewegung?“ fragte ich und meine Sekretärin antwortete nach kurzem Nachdenken mit ernstem Gesicht: „Hm, nö, kann ich mir nicht vorstellen. Sie waren eigentlich ganz gesund.“

Nach dieser beruhigenden Nachricht machten wir uns wieder an unsere Arbeit. Annamarie Kainfeld setzte das Lackieren ihrer Fingernägel fort, um sich hernach ihren Fußnägeln zu widmen, ich blätterte lustlos durch die Postberge und überlegte mir die neuesten Entwicklungen. Sollte der Mörder von Günther Rath tatsächlich aus Großmuschelbach stammen, würde dies unsere Theorie vom Profikiller über den Haufen werfen. Großmuschelbach exportierte eine Menge nützlicher Dinge in die Welt: Dummheit, Verworfenheit, Geldgeilheit, um nur die drei wichtigsten zu nennen, Professionalität indes gehörte nicht dazu.
„Hallo. Bin ich bei Ihnen richtig? Ich schreibe Sie an, weil ich Ihnen eine wichtige Frage stellen möchte. Sind Sie eigentlich richtig versichert? Die meisten Menschen sind es nicht! Nur wenige haben das Glück, in dem von mir vertretenen Hause, der VEREINIGTEN ASSEKURANZ KONSTANZ ein Rundumsorglospaket von geradezu mütterlicher Fürsorglichkeit und Wärme…“
Ich warf das Schreiben in den Papierkorb. Wieder jemanden glücklich gemacht, mich nämlich. Allmählich dämmerte mir, dass dieser Job nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit an mich gefallen war. Ganz im Gegenteil: Vierteilen beim lebendigem Leib wäre wohl humaner.
„Chef!“ Meine Sekretärin kam fingernägelblasend und barfuß in mein Büro. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich heute früher Schluss mache? Konsti will mir EINEN RING!!!!!!! kaufen!“ Einen Ring? Einen um den Hals geschmiedeten? Aus Sorge um meine Gesundheit ließ ich die Frage ungestellt und nickte. Binnen zwei Minuten hatte Annamarie Kainfeld ihre Nägel trockengeblasen, Strümpfe und Schuhe und Mantel angezogen und war mit einem kräftigen „Tschüssi“ verschwunden. Ich hockte allein in den Räumlichkeiten, es war plötzlich sehr still und einsam.
„Glück? Sie wissen doch gar nicht, was das ist!!! Ich und mein Mann, wir sind seit 55 Jahren GLÜCKLICH verheiratet, da können Sie Jungspund doch gar nicht mitreden! Sie denken bestimmt immer nur an Sex, Sex, Sex, aber ich will Ihnen mal was sagen! Sex, Sex, Sex, das vergeht! Liegen Sie mal mit einem 78jährigen Mann im Bett! Sex? Das ist doch nicht Glück! Lernen Sie das endlich!“
Ich hatte gelernt, wo der Papierkorb ist und wie man ein zu einer Kugel gerolltes Stück Brief darin zielgenau begräbt. Wobei mir sofort wieder Großmuschelbach einfiel, wo alles Mögliche begraben lag. Claudia hatte mir eine ungefähre Beschreibung des Killers gegeben. Sie würde mir nicht sehr viel weiterhelfen, traf sie doch geschätzt auf die Hälfte der auf diesem Planeten lebenden Männer zu. Aber: Nicht alle diese Männer standen an Pissrinnen und sagten einen blöden Spruch auf. Ein Ansatzpunkt? Vielleicht. Ich wollte Vikas Meinung dazu hören, schließlich war sie vom Fach.
„Hm“, sagte die nur in ihr Handy. „Warum nicht. Wir sollten wieder einmal einen kleinen Ausflug dorthin machen. Würde mich sowieso mal interessieren, welche Schweinereien dort grad abgehen. Morgen?“ Ich stimmte zu. Wir verabredeten uns für heute Abend in der „Bauernschenke“, legten auf. Es war halb zwei. Um diese Zeit sollten anständige Leute Feierabend machen, Chefs zumal, deren Sekretärinnen sich von schleimigen Krimiautoren Ringe kaufen ließen.

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