04.04.2012 –483–

Als ich die Kaffeebar betrat, war Claudia mit einem fidelen Vierertisch beschäftigt, an dem ein noch fideler plapperndes Quartett älterer Damen den alten Witz von der Latte riss, die man neuerdings auch trinken könne. Claudia – immer im selbstverleugnenden Dienst am Kunden – lachte pflichtbewusst mit, nickte mir konspirativ zu und wies mit den Augen zu einem etwas abgelegenen Ecktisch. Ich ließ mich dort nieder und packte meine beiden Schinkensandwiches aus.

Mit zwei Tassen Kaffee kam Claudia endlich zu mir und setzte sich. „Danke, dass Sie gekommen sind. Ich hab ja keine Telefonnummer von Ihnen, Sie stehen auch nicht im Telefonbuch und warum haben Sie eigentlich keine Homepage?“ Gute Frage. Heutzutage braucht jeder eine Homepage, das ist längst das deutsche Wort für Heimat geworden. Sobald Annamarie Kainfelds hormonelle Karussellfahrt abgebremst war, würde ich sie mit unserem standesgemäßen Internetauftritt zu beschäftigen wissen.
„Er war nämlich wieder da“, raunte mir Claudia zu, und bevor auch nur ein scheues „Wer?“ über meine Lippen zu gelangen vermochte, fuhr sie fort: „Na, Sie wissen schon, der Typ mit dem Regenschirm.“ Raths Mörder also. Ich war überrascht. Der Killer kehrt zum Tatort zurück? Ein höchst unprofessionelles Verhalten, den Mann musste man dringend abmahnen, mindestens.
„Ja, aber ohne Regenschirm. Und irgendwie verkleidet, mit Toupet und so, Brille, Schnurrbart, Anorak. Ich hätte den nicht mal bemerkt, war viel los an dem Tag, aber der Karl, was ein guter Stammgast ist, kommt vom Klo und sagt: Du, Claudimausi, pass mal auf, da drinne an der Rinne steht ein komischer Vogel und sagt eins, zwei, drei, Rohr ist wieder frei, wenn er seinen Schniedel abschüttelt. Da hab ich natürlich aufgepasst, gibt ja viele Perverse hier am Bahnhof. Also wie der rausgekommen ist – und er war’s! Der Gang, der Blick, die Gesten – alles!“
Die lange Rede hatte sie atemlos werden lassen. Der nunmehr äußerst fidele Vierertisch der älteren Damen orderte „Noch vier Latten, aber bitte, bruah!, mit SAHNE!“ und brach in sein dreckigst vorstellbares Lachen aus. Claudia verdrehte die Augen und stand auf. Das gab mir Gelegenheit, in eine Wurststulle zu beißen.
Nachdem sie den Damentisch versorgt hatte, kam Claudia zurück. „Ich steh natürlich dumm da. Was soll ich denn machen? Polizei rufen? Und wenn ich mich doch getäuscht haben sollte? Wenn der vielleicht ein hieb- und stichfestes Alibi hat? Haben die doch immer im Fernsehen! Geheimdienst, ne? Außerdem hat der nen Fünfer auf den Tisch gelegt und is raus. Ich zu Karl: Tu mir den Gefallen und geh dem Typ nach, wo der hingeht, Richtung wenigstens oder Zug oder so was. Der Carl ist ja Frührentner, also nicht dass ich auf den steh, aber der auf mich und also dem nach. Zehn Minuten is der weg und dann kommt er zurück und sagt: Der sitzt grad im Zug nach Großmuschelbach, war mir doch gleich irgendwie klar, dass solche schrägen Vögel nur von dort kommen können. Tja. Und das wollte ich Ihnen nur sagen, könnte ja wichtig sein.“
Bei der Erwähnung des Ortsnamens Großmuschelbach war mir ein Bisschen Schinkenstulle fast im Hals steckengeblieben. Das vermaledeite Dorf zog sich wie ein schmieriger roter Faden durch die Geschichte, ich hatte einfach keine Lust mehr drauf. Nickte aber. „Genau. Großmuschelbach. Woher auch sonst. Ich bleib mal dran. Danke für die Info.“ Claudia stand auf. „Noch einen Kaffee für Ihre Stullen?“ fragte sie. „Geht sowieso aufs Haus.“ Ich lehnte das großzügige Angebot nicht ab.
Später, zwei Kaffee, zwei Schinken-Sandwiches im Magen, stand ich wieder rauchend vorm Bahnhof. Das Damenquartett passierte mich, „So Mädels, und jetzt gehen wir zu Egon inne Kneipe und bestelln Kurze mit Schuss!“ Oh mein Gott. Die Welt war verrückt, Großmuschelbach war verrückt, ich wurde verrückt.

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