03.04.2012 –482–

Ich hatte den Vormittag damit verbracht, Menschen, die das Glück suchten, den rechten Weg zu weisen, ohne sie vorher darüber zu informieren, dass ich vollkommen ortsfremd war. So fuhren sie glücklich in die angegebene Richtung – nun ja, vielleicht hatten sie Glück und fanden das Glück. Gewettet hätte ich darauf allerdings nicht.

„Lieber Bundesbeauftragter! Ich bin ein Versager. Ich bin nichr teamfähig. Ich mag Thomas Gottschalk. Ich habe finstere Gedanken, für die man mich einmal quer durch das Strafgesetzbuch und wieder zurück verfolgen könnte. Okay, ich gestehe: Ich BIN Thomas Gottschalk. Wäre es dennoch möglich, dass selbst ich einmal Glück im Leben habe, nur ein kleines Bisschen?“
„Nein“, schrieb ich zurück, „ich kann kann vielleicht zaubern, aber für Wunder sind andere Abteilungen unseres Hauses zuständig. Versuchen Sie es doch mal beim Fernsehen, die nehmen alle.“ Unterschreiben, fertig, der Nächste bitte.
„Kommen Sie morgen 12 Uhr zum Hauptbahnhof, Sie wissen schon wohin. Er war wieder da. Claudia.“ Claudia? Morgen? Das war heute. Dürstete die Frau aus der Kaffeebar nach einer persönlichen Glücksberatung oder war sie – das allerdings wäre ein Wunder der obskursten Art – AUCH in Marxer verliebt und erbat sich Ratschlag, wie sie in sein Bett würde hüpfen können? Eher nicht, hoffte ich wenigstens. Und wer war ER?
Meine Sekretärin, das gewesene Fräulein Annamarie Kainfeld, würde keinen Wert darauf legen, ihre Mittagspause mit mir zu verbringen. Ihr gegenwärtiger Zustand, den sie wohl als das perfekte Glück empfand, der mir aber realistischerweise als ein gigantischer Fall von Geschmacksverirrung vorkam, trieb sie gewiss in die Arme ihres Geliebten, zum bürgerlichen Mittagessen kämen sie wohl nicht. „Ich bin dann mal weeeee-heeeg!“ trillerte es auch glückstrunken aus dem Vorzimmer, es war nicht einmal halb zwölf. Annamarie Kainfeld musste eine ungeduldige Libido ihr eigen nennen.
Also strebte ich alleine dem Hauptbahnhof zu, mein Magen knurrte, ich würde mir an der Bäckertheke belegte Brötchen kaufen, sie zu einer Tasse frischen Kaffees bei Claudia verzehren und mir dabei anhören, was sie mir zu sagen hatte. Irgendwie fühlte ich mich unwohl. Sah mich etliche Male nach Verfolgern um, musste mich aber getäuscht haben. Nur die üblichen Passanten, die sich durch die Kälte kämpften, wie ich misstrauisch den Himmel beäugten, der sich nicht zwischen Blau und Grau, Sonne und Schneefall entscheiden konnte. Ich beschloss, das Wetter zu ignorieren.
Zuerst mal eine rauchen. Mit anderen vor dem Bahnhofseingang stehen, um überfüllte Aschenbecher herum. „Na, auch wieder da?“ Mathias Lanhoff trug diesmal Zivil, keine Chauffeursmontur. „Tja“, sagte ich, so ist das eben. Und Sie? Nicht mehr Chauffeur?“ Lanhoff schüttelte erbost den Kopf. „Nein, stellen Sie sich mal vor: Mein Autor hat kurzfristig entschieden, die Fortsetzung des Romans, in dem ich der Held bin, zu canceln. Tz! Canceln! Wie der redet! Und so einer schreibt DEUTSCHE Kriminalliteratur!“ „Und was machen Sie jetzt?“ fragte ich voller Mitleid. Lanhoff paffte mir eine Wolke ins Gesicht. „Tja, was macht unsereinser. Wir haben ja keine Rechte. Sie auch nicht übrigens. Ich werde also warten. Hier stehen, rauchen und warten. Gerade vorhin war der Held des neuen Krimis unseres Autors in der Bahnhofsbuchhandlung und hat eine Lokalzeitung sowie einen Reiseführer Avignon erworben. Er ist Kriminalkommissar und hat Urlaub.“
Hm, würde ja ein langweiliger Text werden, aber etwas anderes kannte man von diesem Autor sowieso nicht. Ich drückte den Rest meiner Zigarette im Aschenbecher aus und verabschiedete mich von Lanhoff. „Kopf hoch, Bruder, Sie werden schon wieder einen neuen Job finden.“ Lanhoff nickte. „Klar doch. Unsereiner arbeitet immer prekär, man kann sich seine Autoren leider nicht aussuchen.“ Wir gaben uns die Hände, drückten sie optimistisch und verabschiedeten uns. Ich betrat die Bahnhofsvorhalle und wandte mich zur Bäckertheke.

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