01.04.2012 –481–

„Nein!“ schrie die Bundeskanzlerin. Sie hockte allein in ihrem Apartment, sie hockte vor einer Schüssel Frühstücksflocken, sie hockte wie auf heißen Kohlen, sie presste ihr Handy ans Ohr, bis es weh tat. „Nein!“ schrie sie noch einmal und der Mann am anderen Ende dachte: Jetzt dreht die Alte durch.

Die Alte drehte nicht durch. Aber alles drehte sich um sie herum. Warum machten die so etwas? Warum akzeptierten sie nicht, dass SIE keine Fehler machte? Dass sie als Bundeskanzlerin von ähnlicher Unfehlbarkeit war wie der Papst, der gerade auf Kuba Rum schlürfte und mit Altdiktatoren über Gott, die Welt und den Rest philosophierte? Nur weil sie eine Frau war? Seit wann war sie eine Frau? Hatte sie sich verraten? Nein, unmöglich, sie verriet sich nicht. Andere – okay. Aber doch nicht sich selbst! „Nein!“ schrie sie zum dritten Mal, Spucke katapultierte ihr aus dem Mund, segelte über die Frühstücksflocken. Die würde sie jetzt auch nicht mehr essen können.
Der Mann am anderen Ende dachte: Dumme Kuh. Es ist früher Morgen, eigentlich habe ich noch keinen Dienst. Ich mach das hier doch alles nur aus Pflichtgefühl. Man hat mir einen Job in der neuen saarländischen Landesregierung angeboten, Harmoniebeauftragter. Das ist ein irre leichter Job, denn Saarländer sind von Natur aus auf Harmonie geeicht, die schwenken Fleisch über offenem Feuer, trinken bitteres Bier dazu und runden mit einem Stück Fleischwurst, das sie Lyoner nennen, das Ganze ab und nennen es dann Harmonie. Hätte ich werden können. Harmoniebeauftragter. Besser als Glücksbeauftragter wie dieser Moritz Klein.
Die Bundeskanzlerin hatte sich gefasst. „Erzählen Sie“, forderte sie den Mann am anderen Ende auf. „Erzählen Sie schonungslos. Der Typ ist doch gerade in Polen, dem geht’s doch gut, der macht das doch nicht schlecht, dort kann er doch stundenlang über die Freiheit reden, versteht ihn eh keiner.“ „Ja!“ schrie nun der Mann am anderen Ende überflüssigerweise. „Könnte der. Hat er auch gemacht. Und dann vor einer Stunde das!“ „Definitiv?“ Die Bundeskanzlerin fragte es mit jenem drohenden Unterton, den alle in ihrer Umgebung fürchteten und verabscheuten. „Ja…“, wisperte der Mann am anderen Ende nun ganz leise und dachte: So eine Scheiße, worauf hab ich mich hier nur eingelassen. Dann sagte er: „Heute Morgen. Vor einer halben Stunde. Per Fax. Nur zwei Sätze: ‚Hallo Berlin, na, gut geschlafen? Ach übrigens: Ich nehme mir die Freiheit und trete von meinem Amt zurück, den Ehrensold bitte auf mein bekanntes Konto überweisen.“
Also doch. Die Bundeskanzlerin starrte in ihre Frühstücksflocken. Ab morgen würde sie wieder Brötchen mit dick Marmelade essen, scheiß auf die Figur. Und nun? Ging das von vorne los? Nahm es nie ein Ende? Erst der, dann der, jetzt der. Vielleicht sollte sie mal eine SIE?… Aber nicht diese Käsmann. Die würde doch schon zurücktreten, wenn im August die Sonne scheint und sie beim Staatsbesuch ihre Badesachen vergessen hat. Die Tussie mit den sieben Kindern? Eine Überlegung wert. Hatte man die auch endlich hochgelobt und weggelobt und aus den Füßen.
Der Mann am anderen Ende legte den Zeigefinger auf den Mund. Psssssst. Um ihn herum standen und saßen die Herren aus der Parteizentrale und kringelten sich. Was für eine Idee! Und wer hatte sie gehabt? Natürlich der Finanzminister, die alte Ulknudel. Es war zum Quietschen.
Die Bundeskanzlerin räusperte sich. „In Ordnung. Nachricht noch zwei Stunden zurückhalten und dann in die Presse geben, ich komme sofort ins Amt, große Krisensitzung, ich möchte alle Nasen vollzählig sehen. Hallo? Sind Sie noch dran? Warum lachen Sie? Ist das zum Lachen?“
Der Mann am anderen Ende prustete los. „Jaaaaaaa, Chefin! Schauen Sie mal auf den Kalender! Erster April! War doch ein guter Scherz, ne?“ – Wieder einer, der nicht zwischen romaninterner Aktzeit und Zeitpunkt der Niederschrift unterscheiden konnte.

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