31.03.2012 –480–

Im Frühstücksraum taten sie so, als würden sie einander nicht kennen. Carlo Rüchel hatte soeben das Büffet inspiziert und war, wie nicht anders zu erwarten, schlecht gelaunt. Eine Pfanne mit Rührei, es stank vor sich hin. Er entschied sich für Toast mit Butter und Marmelade, das war wenigstens eine klare Ansage. Beim Anblick des Müslis wurde ihm schlecht. Alles durcheinander gemanscht!

Schmeichel war gut gelaunt, als er sah, dass Rüchel schlecht gelaunt war. Er hatte in der Nacht noch eine vielgerühmte amerikanische Krimiserie im ZDF gesehen, 2 Uhr 35, wahrscheinlich als einziger Zuschauer. Danach war er eingeschlafen und hatte geträumt. War gegen sechs Uhr aufgewacht, den Kopf auf den Handflächen, zur Decke starrend. Die Villa von diesem Marxer. Gewiss kein Problem, dort reinzukommen. Ob er mit Gas heizte oder kochte oder beides? Gas? Immer gut. Ständig explodieren Häuser oder ersticken schlafende Menschen, weil Gasleitungen defekt sind. Er biss in ein Wurstbrötchen, es knackte herrlich frisch.

*

Eins, zwei, drei… Scheiße. Er musste dringend aufs Klo. Außerdem war ihm kalt. Er hatte die ganze Nacht in seinem Wagen gesessen, die Standheizung an, was das wieder kostete. Gut, anzunehmen, dass die beiden Typen friedlich in ihren Betten lagen und schliefen. Aber konnte man es genau wissen? Vielleicht würde sich einer, vielleicht würden sich beide mitten in der Nacht aus dem Hotel schleichen, um zu morden. Hm, aber wen? Moritz Klein? Dann würde er nur zusehen müssen, denn Moritz Klein würde er ja selbst ermorden. Trittbrettfahrer, Geld für nicht erbrachte Leistung.
Er stieg aus, suchte eine Bäckerei, wenn möglich eine mit Klo. Er hatte Glück. Er setzte sich auf die Kloschüssel, erleichterte sich, sehnte sich nach der Pissrinne, seinem Ritual. Natürlich hätte er hier auch im Stehen pinkeln können, eine zehnjährige Ehe mit einem Drachen hatte ihn jedoch domestiziert, zu einem Mann gemacht, der nun automatisch im Sitzen pinkelte. Er hasste seine Ex.
„Einmal Coffee to go, aber bitte zum Mitnehmen.“ Der alte Scherz, die Bäckereifachverkäuferin hatte professionell genickt. Und zwei Schneckennudeln! Rasch noch eine Bildzeitung abgreifen, man wollte ja wissen, was in der Welt nicht vor sich ging, aber in der Bildzeitung stand. Zurück zum Wagen, erst einmal frühstücken. Hoffentlich trennten sich die beiden nicht, wenn sie das Hotel verließen. Dann musste er sich entscheiden, wem zu folgen war. Er würde es nach Instinkt tun. Sein Instinkt hatte ihn noch nie im Stich gelassen. Na ja, selten.

*

Gas, dachte Rüchel, weil er nicht mehr an die Rühreier denken wollte. Gas. Die Sau überlegt sich gerade, wie sie Marxer und Kriesling-Schönefärb und weiß der Geier noch wen um die Ecke bringen kann. Mit einer manipulierten Gasleitung. Hm, würde ich mir auch überlegen. Was frisst der da? Rührei? Tatsächlich! Schmeichel hatte sich einen großen Teller mit Rührei vollgepackt und hieb nun herzhaft mit der Gabel hinein, hob diese zum Mund, einen Eiberg, sah hinüber zu Rüchel und lächelte, schob das Ekelzeug in den Schlund, zerkaute es, ließ es verschwinden. So eine perverse Sau. Gas, dachte Rüchel und griente. Genau, Gas. Ich werde dich nicht erschießen, ich werde dich… musste man alles nur genau planen. Erst einmal abwarten.
Er stand auf und verließ den Frühstückssaal, er brauchte frische Luft. Das Rührei stank bestialisch.

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