30.03.2012 –479-

Ich hatte nicht damit gerechnet, beim Betreten meines Büros Fräulein Annamarie Kainfeld – für das „Fräulein“ würde sie mich garantiert kastrieren – dort vorzufinden. Eine Nacht mit Marxer, das stellte ich mir grausam vor, danach braucht eine Frau Ruhe und Pflege und eine längere Psychotherapie. Ganz abgesehen davon, dass mir Frauen schon immer ein Rätsel waren, wurden sie mir bei der bloßen Vorstellung, dass es Exemplare gab, die freiwillig den Anblick des nackten Marxer ertrugen, gänzlich mysteriös. Sollte es stimmen, was man munkelt, dass nämlich Frauen vor Urzeiten auf einem Meteoriten auf der Erde landeten, also außerirdisch sind? Stimmte wohl. Annamarie Kainfeld war gewiss auf keinem Meteoriten ins Büro geflogen. Dennoch war sie da. Sie hockte hinter ihrem Schreibtisch, sah gut und frisch aus, so dass ich sofort dachte: Aha, da ist nichts gelaufen. Gutes, braves Mädchen, du hast doch einen prima Geschmack.

„Guten Morgen, Chef!“ Meine Sekretärin strahlte mich an. Ich wurde unsicher. Die in ihr Gesicht wie eingemeißelte Verzückung war ein Phänomen postkoitalen Befindens, ein Nachhall gewissermaßen, so wie man nach einem gelungenen Fußballspiel mit einem Lächeln im Gesicht aus dem Stadion schleicht. Das aber passte nicht mit der Vorstellung zusammen, Annamarie habe den für die Postkoitalität zwingend erforderlichen Koitus in Gemeinschaftsarbeit mit Konstantin Marxer erreicht, nein, das schloss sich geradezu aus. Sollte sich meine Sekretärin auf dem Heimweg einen One-Night-Stand angelacht haben? „Geht’s Ihnen gut?“ fragte ich vorsichtig und besorgt.
„Suuuupi!“ antwortete Annamarie und schlug ein bestrumpftes Bein schwungvoll über das andere. „Konsti ist ein begnadeter Frühstückmacher, sein Kaffee ist wunderbar, seine Brötchen so herrlich knackig, seine Marmelade schmeckt nach Frucht, sein Müsli ist urgesund!“ Konsti. Keine Frage, ich MUSSTE mir Sorgen machen. „Schön“, sagte ich lapidar und verzog mich in mein Büro. „Kaffee, Chef?“ fragte mir die Sekretärin nach. Ich nickte zerstreut. Kaffee war immer wunderbar, vorausgesetzt, Konsti Marxer zeigte sich nicht dafür verantwortlich.
Meinen Kaffee intus, telefonierte ich sofort mit Oxana. Die meldete sich mit jener Verschlafenheit, die ebenfalls postkoital ist, im Falle Oxanas allerdings berechtigterweise. Einen Moment lang dachte ich an Vika und seufzte. „Was ist bei euch los?“ fragte ich, „Meine Sekretärin fühlt sich wie im siebten Himmel, die Frau macht mir Himmelangst.“ Auch Oxana seufzte. „Dann komm mal zu uns rüber, dann erlebst du etwas, das dir wirklich das Blut in den Adern gefrieren lassen kann. Marxer hüpft durch die Wohnung und summt irgendwelche alten Top-Ten-Hits, er hat heute Morgen Frühstück gemacht – natürlich nur für sich und deine Annamarie, er hat soeben Blumen bestellt, sie müssten gleich bei euch abgeliefert werden und er hat mich vorhin gefragt, wo es die geilsten Verlobungsringe in der Stadt zu kaufen gibt. Also ich kann dir sagen…“
Wir beendeten das Gespräch, nachdem wir uns eingeschärft hatten, diese sehr merkwürdigen Ereignisse weiterhin im Auge zu behalten. Kriesling-Schönefärb, so berichtete Oxana am Rande, sei heute Morgen übrigens im Negligé zum Frühstück erschienen und habe die vollkommen errötete Sonja Weber nach einem empfehlenswerten Eyeliner gefragt. Auch das müsse uns Sorgen machen, irgendwie.
Ich stand auf, ging zum Fenster, blickte auf die Straße, den Verkehr, die Menschen. Ich musterte jeden einzelnen da unten, versuchte die Gesichter zu erkennen. Mir war nicht wohl in der Haut und das lag nicht nur an Marxer und meiner Sekretärin, schon gar nicht Kriesling-Schönefärb und Sonja Weber. Etwas lag vielmehr in der Luft, ein Unheil, eine Katastrophe, das ahnte ich, nein, davon war ich überzeugt. In der Stadt ging alles seinen Gang. Niemand fiel mir auf. Genau, dachte ich, das ist das sicherste Anzeichen für ein Desaster. Wir befanden uns postkoital in einer prädesaströsen Phase.

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