29.03.2012 –478-

Liebe ist ein merkwürdig Ding. Sie macht etwas mit einem, chemisch zumindestens, das ganze Gehirn, ja, der ganze Leib wird zu einem außer Rand und Band geratenen Chemielabor, in dem ein irre gewordener Professor, der so aussieht wie Albert Einstein, aber nicht annähernd so talentiert ist, seine verrückten Experimente macht. Okay, Einstein war Physiker. Aber ist ja noch schlimmer, oder?

Schön war es trotzdem gewesen, mochte der irre Chemiker auch weiterhin in Marxers Kopf wüten. Dieser Kopf drehte sich nach rechts, um den Kopf der schlafenden Annamarie Kainfeld zu betrachten, einen Kopf, in dem es gerade träumte, in dem also zwei verpeilte Wissenschaftler dabei waren, perfiden Sprengstoff herzustellen, mit dem das Trostlose des Alltags in die Luft gejagt und die Fetzen dieses Alltags zu neuen Gebilden zusammengesetzt werden konnten. Das musste er unbedingt notieren, das war ein wunderbares Bild. Er richtete sich vorsichtig auf, um Annamarie nicht zu wecken. Aus dem Bett, auf Zehenspitzen auf den Flur, horchen. Chemie dürfte es auch bei Kriesling-Schönfärb und Sonja Weber, Oxana und Vika gegeben haben, oh mein Gott, wie verrückt doch alles war! Drei kopulierende Paare unter einem Dach, das war vielleicht nicht Weltrekord, aber… egal. Marxer öffnete vorsichtig die Tür zu seinem Arbeitszimmer.

*

„Also, mein Lieber“, hob Hermine an, „die Performance war heute verbesserungsfähig. Nicht ganz misslungen, aber ein wenig zu unkonzentriert vorgetragen. Geben wir uns in Zukunft mehr Mühe, ja?“ Ich murmelte das erwünschte „Jaaaaaa“ und tat einen tiefen Zug. Die Zigarette danach schmeckt eigentlich immer, auch wenn die soeben begattete Frau nackt auf dem Stuhl vor ihrer Schminkgelegenheit sitzt, den „Mord(s)kalender 2012“ vor sich, in den sie Schulnoten und Anmerkungen schreibt.
„Okay, ich geb mal eine 3 minus, aber nur, weil die Ausführung an sich ganz ordentlich war. Der Höhepunkt hätte sich etwas früher ankündigen können, war zu abrupt. Vorspiel hielt sich im Rahmen, nicht schlecht, da zeigt sich deine Routine.“
Konnte es sein und Hermine behandelte mich als ein Sexobjekt? Hallo? War das nicht mein Part? Ich drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, sah an mir hinunter. Hm. Hoffentlich kam sie nicht auf die Idee, die Klassenarbeit wiederholen zu lassen. Wenn ja, würde sie sich anstrengen müssen.

*

Endlich machte Rüchel die Augen zu und versuchte zu schlafen. Er hätte sich vielleicht doch eine Hostess aufs Zimmer bestellen sollen, der diesbezügliche Entscheidungsfindungsprozess aber hatte ihm den kleinen Keimling Lust endgültig aus dem Boden der Begierde gerissen. Der Typ da auf der anderen Seite der Wand, der war an allem schuld. Rüchel hatte überlegt, hin und her überlegt, war zu keinem Ergebnis gekommen. Autounfall nicht, Brandstiftung auch nicht. Also wie? Er musste die Augen und sonstigen Sinne offen halten, der Typ war ein ernstzunehmender Gegner, kein Zweifel.

*

Marxer schlich zurück ins Schlafzimmer, legte sich ins Bett, starrte gegen die Decke. Die chemischen Prozesse in seinem Hirn waren noch immer nicht unter Kontrolle. Er war ein Mann, das wusste er jetzt wieder. Obwohl: Als Frau hatte es sich auch nicht schlecht angefühlt.

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