28.03.2012 –477-

Hotelzimmer sind trostlos. Man ist allein in einer fremden Stadt, man muss einen Job erledigen, dessen gesellschaftliche Anerkennung unter der von Politikern, Journalisten, Kinderschändern und Kriminalschriftstellern liegt, man ist ein kreativ Schaffender, doch das Kunstwerk, das man sich unter übermenschlichen Mühen aus den Rippen schnitzt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter 15 Jahren geahndet. Bei ihm käme natürlich noch Sicherungsverwahrung dazu, das wusste Schmeichel. Er lag auf dem Bett, starrte nach oben an die Wand gegenüber, wo der Fernseher hing. Er hielt die Fernbedienung in der Rechten und drückte wahllos Knöpfe. Weit nach Mitternacht. Es kam nur Mist, es kamen langweilige Pornos, es war noch zu früh für die guten Krimiserien.

Viel zu früh, dachte Rüchel im Nebenzimmer und zappte sich durch das Programm. Ein Bundespräsident wird vereidigt, ein islamistischer Massenmörder erschossen. Nein, diese Welt, man müsste sie aufräumen, aber was bliebe dann von ihr übrig? Finstere Gedanken. Hotelzimmer sind trostlos, da bleibt das nicht aus. Und dann stellt sich heraus, dass er mit Schmeichel nicht nur das Hotel teilt, ihre Zimmer liegen auch noch nebeneinander. Wenn die Wände dünn sind, kann er ihn schnarchen hören. Wenn sich Rüchel – was er gerade abwägt – eine Hostess für die Nacht bestellt, wird Schmeichel die sexuellen Arbeitsgeräusche hören und sich ärgern.
Einfach so schlafen? Nein, sagt sich Rüchel, nein, sagt sich Schmeichel. Schmeichel entwickelt einen Plan. Warum muss es unbedingt ein Autounfall sein? Wer schreibt ihm das vor? Als Arbeitshypothese ganz nett, aber irgendwie Mainstream, würde doch jeder an seiner Stelle machen. Irgendeinen Bremsschlauch durchschneiden oder so was. Einfallslos, eigentlich. Wie wäre es mit einer zünftigen Brandstiftung? Die ganze Bagage fetet in dieser Kneipe, ein paar Brandbeschleuniger, die Türen verriegeln… okay, so blöd wäre kein Brandschutzexperte, von einem „Unfall“ zu sprechen. Aber man könnte den Verdacht auf andere lenken. Befindet sich nicht ein schwarzes Pärchen in der Küche? Unzweifelhaft Asylanten, wahrscheinlich illegal im Land, wahrscheinlich munter beim Schwarzarbeiten. Ein Bekennerschreiben formulieren, im Moment kann man denen alles andrehen, auch eine neue rechte Terrorzelle, die mordend durchs Land zieht. Wahrscheinlich merken sie es wieder nicht und fantern von „kriminellen Vereinigungen“, irgendeiner schwarzafrikanischen Zigarettenmafia. Überlegen. Den Ton ausstellen, nur die Bilder betrachten, das lenkt ihn schön ab, das befeuert ihn.
Nein, keine Hostess. Er könnte den Portier fragen, die wissen doch so etwas. Aber… Rüchel ist nicht in Stimmung. Er denkt. Den Ton ausstellen, nur die Bilder betrachten, das lenkt schön ab, das befeuert ihn. Dass ihm Schmeichel so bereitwillig vom geplanten Autounfall erzählt hat, hört sich nach einem billigen Trick an. Würde er, Rüchel, das machen? Einen Bremsschlauch durchschneiden? Nein, ist doch Anfängerzeug. Wer garantiert ihm, dass das Auto einen Berg runterfährt? Wer, dass es so verunfallt, dass alle Insassen zuverlässig sterben? Wird er nicht machen, denkt Rüchel. Aber wie sonst? Vorhin in der Kneipe ist ihm der Gedanke gekommen, die Bude einfach anzustecken. Wird ER natürlich nicht tun, wird er verhindern, aber genauso denkt ein Killer wie Schmeichel. Er wird versuchen, einen Sündenbock zu finden, irgendwelche Rechtsradikale, das ist gerade in Mode. Er wird es sich ausmalen – und er wird auch diesen Plan verwerfen.
Nein, er verwarf diesen Plan. Außerdem war das Spiegelei, dass ihm der Schwarze in der Küche zubereitet hatte, perfekt gewesen. Man konnte es nicht anders sagen: perfekt. Das sollten sich diese Rassisten mal überlegen, das sollte ihnen zu denken geben. Ob Adolf Hitler jemals ein perfektes Spiegelei zubereitet hat? Wohl kaum. Also: keine Brandstiftung. Erst recht kein Autounfall. Selbstmord vortäuschen? So wie damals in diesem Genfer Hotel? Schmeichel wiederholte sich nicht gern. Er war doch kein deutscher Kriminalschriftsteller.

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Eine Antwort zu 28.03.2012 –477-

  1. Ingrida schreibt:

    Wie jetzt? Genfer Hotel? Da fällt mir eigentlich ein anderer Name ein….

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