27.03.2012 –476-

Es war das gewesen, was der Dichter einen feuchtfröhlichen Abend nennt. In Strömen fließendes Bier respektive fließender Eierlikör, denn Irmi zeigte sich durch die Ereignisse so angeregt, dass sie das klebrige Gold der Damen in den besten Jahren in enormen Quantitäten zu sich nahm, immer gesprächiger wurde, bis sie schließlich abrupt verstummte und voller Schrecken feststellte, dass irgendetwas mit dem Planeten nicht stimmen konnte. Der drehte sich plötzlich so schnell um seine eigene Achse, während man selber stillstand, also nicht auf diesem Planeten stehen konnte… Merkwürdig, dachte Irmi, ist mir noch nie passiert. Jedenfalls nicht in dieser Woche.

Auch Marxer redete nicht viel. Zwar trug er wieder seine männliche Kleidung, das kurze Intermezzo als Frau saß dennoch in seinem Kopf und er ertappte sich dabei, den Flirt mit Annamarie Kainfeld als eine subtile lesbische Anmache zu begreifen. Nein, er war keine Frau! SIE war eine Frau und was für eine! Dass sie Kleins Sekretärin war, nun, dafür konnte sie nichts. Dass Klein, dieses Schwein, alle Register ziehen würde, Annamarie auf einem Fotokopierer in seiner animalischen Art zu nehmen, nun, damit musste gerechnet werden. Sei’s drum. Es gab drängendere Probleme. Man hatte in Berlin beschlossen, die beiden Männer Marxer und Kriesling-Schönefärb unter kompetenter Bewachung nach Hause zu bringen, in Marxers Villa wären sie sicher. Mit einer Attacke musste gerechnet werden, es seien jedoch stets genügend Kräfte vor Ort, dieses zu verhindern. Marxer wusste nicht, um welche Kräfte es sich handelte. Man hatte ihn beruhigt. Nur die besten Leute, ein lückenloses Überwachungs- und Beschützsystem. Die beiden Typen da in der Ecke… waren bestimmt welche. Und wahrscheinlich stand draußen ein weiteres Dutzend staatlich geprüfter und diplomierter Personenschützer bereit. Also keine Sorgen machen. Sich den schönen Dingen des Lebens widmen. Annamarie.
Die, da sie geradezu euphorisch von seinen Werken sprach, auch intellektuell interessant schien, gewiss nicht ebenbürtig – aber die Suche nach ebenbürtigen Partnerinnen hatte Marxer, wie alle Kriminalschriftsteller, längst aufgegeben -, doch wie geschaffen für eine geschlechtliche Vereinigung, das auf jeden Fall. Wann hatte er das letzte Mal mit einer Frau geschlafen? Schon lange her. Aber hey, deshalb schrieb er ja Krimis! Es war, wie Freud oder irgendeiner von diesen Brüdern es wissenschaftlich bewiesen hatte, ein Akt der Sublimation, die Umwandlung sexuell brachliegender Hormonüberschüsse in knallharte deutsche Sprache. Wusste inzwischen jedes Kind.
Kriesling-Schönefärb hatte nur Augen für Sonja, Sonja hatte nur Augen für Kriesling-Schönefärb. Zwei hübsche junge Damen becircten sich, es prickelte, es perlte wie edelster Champagner. Eine Hetero-Homo-Ménage à deux stand ihnen bevor, sie würden nachher in Marxers Villa ein Zimmer, ein Bett teilen, sie würden die Geschlechterrollen ebenso aufteilen – beinahe freute sich Kriesling-Schönefärb über die eigentlich traumatische Situation, in der er sich befand. Jetzt nur nicht zuviel trinken, fit bleiben, alles auskosten! Er sah verstohlen auf seine Uhr, er konnte es kaum noch erwarten.
„So“, sagte Moritz Klein schließlich, „ich habe morgen einen schweren Arbeitstag vor mir – Frau Kainfeld übrigens auch. Wir sollten unsere Zelte hier ab- und zu Hause wieder aufbauen.“ Annamarie nickte. „Stimmt. Wir haben einen schweren Arbeitstag vor uns.“ Sie sah dabei Marxer in die Augen, Marxer, der innerlich stöhnte. Ja mei, er war bereit. Eine schwere Arbeitsnacht, Sex wie im Rausch. Und Annamarie würde ihm dabei erzählen, wie toll sie seine Bücher fand und warum. Das war ein doppelter, ein dreifacher, ach was, ein unendlich multipler Orgasmus.
Eine Unangenehmlichkeit stand ihm allerdings noch bevor: Er musste die Frauenkleider wieder anzuziehen. Ging nicht anders. Sie wären zu Fuß durch die Stadt unterwegs, jemand konnte sie erkennen. Marxer stöhnte, da musste er durch. Er stand auf, machte sich auf den Weg zur Toilette. Drei Gäste winkten gleichzeitig der Bedienung und wollten zahlen.

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