25.03.2012 –474-

Bizarr, bizarr. Wir betraten die „Bauernschenke“, Annamarie Kainfeld et moi, zwei scheue Damen im Schlepptau, beide mit sogenannen Travelling Bags in der Rechten. „Sie hätten den Fräuleins wenigstens die Taschen tragen können“, hatte mich meine Sekretärin getadelt, „das ist ein Gebot der Höflichkeit.“ Sie schien es ernst gemeint zu haben, kein Lächeln war dabei von ihren Lippen zu lesen gewesen.

Obwohl es noch früh am Abend war, befanden sich die Freunde bereits vollzählig im Gastraum. Oxana hatte sie auf das Schauspiel vorbereitet und ihnen eingeschärft, beim Anblick von Marxer und Kriesling-Schönefärb nicht in Gelächter auszubrechen. „Lachen könnt ihr meinetwegen, wenn Herr Schäuble wieder einmal beteuert, er habe die Griechenlandkrise so im Griff wie seinen Rollstuhl. Oder wenn dieser neue Typ in Schloss Bellevue davon redet, er sei ein schöner Sonntag und Sarrazin ein mutiger Mann und die Hartz-IV-Empfänger geschichtsvergessen und die Occupy-Leute einfach doof und überhaupt Freiheit, Freiheit, Freiheit.“ Okay, gebongt, hatten alle versprochen. Doch jetzt saßen sie am Tisch oder standen hinter der Theke, glotzten und grienten. Selbst Mohamad Ndaye und Marjam lugten aus der Küche und sehnten sich nach der Ganzkörperburka für Männer, die Frauen sein wollten.
„So, ich geh gleich auf Toilette und zieh mich um“, verkündete Marxer finster und hob seine Tasche in die Höhe. „Ich auch“, schloss sich Kriesling-Schönefärb an, wobei er die sehr blasse Sonja Weber nicht aus den Augen ließ. Die indes murmelte: „Bleib doch so, das gefällt mir.“ Kriesling-Schönefärb nickte und wurde rot.

*

Tja. Jetzt standen sie vor dieser Kneipe und warteten. Eine gewisse Anstandsfrist musste schon eingehalten werden, bevor sie selbst das Etablissement betreten konnten. Beide waren entschiedene Nichtraucher, das machte das Warten noch langweiliger. „Wie laufen so die Geschäfte?“ fragte Rüchel anstandshalber und Schmeichel wog den Kopf. „Nicht schlecht. Bei Ihnen?“ „Auch ganz gut. Die allgemeine politische Lage, die Wirtschaft, all die Krisen… gute Zeiten für unseren Beruf.“ Dem sei wohl so, bestätigte Schmeichel. „Die Auftraggeber werden immer anspruchsvoller. Alles muss plötzlich wie Unfälle aussehen! Oder natürlicher Tod!“ „Ja, ja“, sinnierte Rüchel, „aber das macht die Sache doch noch anspruchsvoller und interessanter, oder?“ Schmeichel musste ihm wohl oder übel Recht geben. „Stimmt schon. Andererseits ist es frustrierend, wenn die eigene Arbeit nicht anerkannt, ja, nicht einmal mehr ER-kannt wird. Unfall? Herzinfarkt? Da fragt kein Mensch nach dem Urheber, nach uns also, da weiß kein Mensch zu würdigen, welche Mühsal in so einem abgeschlossenen Fall steckt.“ Hm, das hatte Rüchel so noch gar nicht gedanklich ventiliert, aber es war schon etwas dran. Schön, mal so von Berufskollege zu Berufskollege zu reden, Erfahrungen auszutauschen. Brachte einen echt weiter.

*

Marxer hatte sich umgezogen und sah nun wieder aus, wie man ihn kannte. Nicht besser als vorher, im Gegenteil. Annamarie Kainfeld indes war durch die Verwandlung zum Männlichen nun vollends von den Socken, es war geradezu peinlich, wie sie nicht mehr von Marxers Seite wich und der, seine Chancen erkennend, das ganze Repertoire seines Charmes abspulte. Kriesling-Schönefärb hatte sich auf Wunsch Sonja Webers nicht umgezogen. Passte doch. Sonja Marxer war bisexuell, jetzt besaß sie je nach Laune beide Varianten zur Befriedigung ihrer Gelüste.

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