22.03.2012 –471-

Die Frau in dem dezenten grauen Reisekostüm fühlte sich unwohl. Es war gemütlich warm im Abteil 1. Klasse des ICE BILLY WILDER, fast heimelig, hätte man sagen können, doch die Frau fror. Ihre Beine waren eiskalt, die Strumpfhose zwickte und juckte. Die Frau warf einen Blick auf ihr Gegenüber, eine blasse Schönheit mit halblangen blonden Haaren, denen geschickten Hände gekonnt zu mehr Volumen verholfen hatten. Sie trug eine schwarze, mattglänzende Hose, deren Beine in dunkelbraunen hohen Stiefeln verschwanden, eine weiße Bluse, die weibliche Attribute verbarg, ohne ihre Existenz zur Gänze zu leugnen, eine schwarze Jacke mit neckischem Einstecktüchlein, was sie ein wenig androgyn wirken ließ, ihre Weiblichkeit aber eher betonte. Doch auch diese Frau fühlte sich unwohl, man sah es ihr an.

Am Berliner Hauptbahnhof hatten sie sich mit Frauenzeitschriften eingedeckt, in denen sie jetzt blätterten und desinteressiert lasen. Über die Wechseljahre und Prinz Harry, Toast Hawaii nach sauerländischer Hausfrauenart, Pro und Contra Strings, überhaupt: Mode und vor allem Schuhe. Du hast es gut, dachte die Frau im grauen Reisekostüm und sah neidisch auf die Stiefel ihrer Begleiterin. Ihre eigenen Füße steckten in braunen Pumps, eine farbliche Waghalsigkeit, gewiss, vor allem jedoch eine physische Qual. Eigentlich hatte sie Pumps, High Heels immer gemocht. Sie waren das Sahnehäubchen der Verführung, ein Versprechen, die Vorboten verbotener Genüsse in heißen, schwülen Nächten, ihre Geräusche auf Parkett, auf Teppichboden – aber sie waren auch eine Qual, sie quetschten die Füße, die Frau verspürte den Drang, sich ihrer Pumps zu entledigen, man konnte sie jedoch nicht einfach abstreifen, dafür saßen sie zu eng.
Außerdem: Der Typ auf der anderen Seite des Ganges. Er beobachtete sie seit Berlin mit jener unverhohlenen Lüsternheit, die eine Frau, wo immer sie sich befindet, glauben macht, sie sitze in einem Schlafzimmer, rotes Licht von der Nachttischlampe. Er war knapp über 50, so jedenfalls schätzte sie, ein Geschäftsmann im obligatorischen feinen Zwirn, Lesebrille. Wenn sie jetzt die Pumps von den Füßen streifen würde, wäre das eine Aufforderung. Komm und nimm mich. Natürlich schmeichelten ihr die Blicke des Mannes, sie war nun einmal eine Frau. Die Vorstellung indes, den nackten, gar schwitzenden Körper dieses Mannes auf dem ihren zu spüren, seine animalischen Brunftlaute in ihrem Ohr zu hören, sein Keuchen und Machen, nein, das war zuviel. Ihr wurde plötzlich ganz heiß, gut, das konnten, wie sie soeben in einer Zeitschrift gelesen hatte, die Wechseljahre sein, keine Ahnung, war ihr auch wurst. Sie musste diese Pumps loswerden. Diese Strumpfhosen. Sie sah wieder zu ihrer Begleiterin hin, die in die Lektüre von FRAU INTIM vertieft war und gerade in Gedanken ein „Verführmenü, mit dem sie jeden Kerl ins Bett kriegen“ nachkochte. Beide seufzten zur gleichen Zeit, sahen sich an und lächelten.
Bald wäre es vorbei. Der Zug fuhr seit Stunden durch die Landschaft, unter dunklem Himmel, aus dem es mal regnete, mal nicht regnete, durch die Scheiben war nichts zu erkennen. Die Frau im grauen Reisekostüm schlug ein Bein über das andere, ihr Rock rutschte mehrere Zentimeter über die Knie, schöne Knie, wie die Frau wohlgefällig registrierte. Eigentlich mochte sie auch Strumpfhosen. Noch lieber mochte sie Strümpfe, weiße Seide, rote Seide, schwarze Seide, ditofarbene Strumpfhalter. Der Geschäftsmann auf der anderen Seite des Gangs grinste und fasste sich in den Schritt. Die Frau warf ihm einen tödlichen Blick zu, nicht tödlich genug, denn der Typ grinste weiter, noch unverschämter. Die andere Frau hatte aus ihrer Zeitschrift aufgesehen, kurz zu dem Typ, kurz zu der anderen Frau. Sie grinste ebenfalls, aber nicht lange.
Endlich. Sie näherten sich dem Ziel. Bekannte Namen wurden durchgesagt, Reisende stiegen aus, nur noch wenige ein. Bald, bald, bald würde alles ein Ende finden. Die Frau beugte sich zu ihrem Gegenüber und flüsterte: „Eines kann ich Ihnen sagen, Kriesling-Schönefärb, nie wieder lasse ich mich auf so eine Scheiße ein.“

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