21.03.2012 –470-

Das also war Moritz Klein, der Spiritus Rector der Staatsverschwörung. Hatten ihm jedenfalls seine Auftraggeber gesagt. Dabei sah der aus wie ein Würstchen. Hübsche Frau, die da neben ihm ging, aber seit wann interessierte sich Schmeichel für Frauen. Er hatte das Haus seit zwei Stunden beobachtet, dabei Radio gehört und mit seinem Chef vom Fernsehen telefoniert. Ja, ja, er habe sich überraschend eine Woche Urlaub nehmen müssen, dringende Familienangelegenheit, aber die Arbeit sei erledigt, wieder eine Krimiserie auf dem schlechtesten Sendeplatz untergebracht. Der Chef war zufrieden gewesen. Im Radio war auch nur Mist gelaufen, würde man sich auch mal vornehmen müssen. Die hatten sogar Wortbeiträge über 1.30, ja, wo lebten die denn. Dann kamen Moritz und seine Begleiterin aus dem Haus. Schmeichel stieg aus dem Wagen, folgte ihnen.

Er freute sich. Auf den Job sowieso, aber – das hatte man ihm im Vertrauen mitgeteilt – vor allem auf IHN, den die Gegenseite aktiviert hatte, den Killer der Killer. Showdown. Wer ist der beste? Olympisches Finale quasi, dem Sieger winkte die Unsterblichkeit, der Vorsitz im Olymp der Berufsmörder. Man muss nur in die Hirnwindungen des Rivalen kriechen, so zu denken versuchen, wie der denkt dass man selber denkt dass der andere denkt dass man denkt… Schon allein das war faszinierend.
Sie gingen Richtung Bahnhof, aha. Das war gut. Schmeichel hatte erfahren, die Objekte seines Auftrages säßen im Zug aus Berlin, „Achtung!“ schrie es da in ihm, Achtung!, eine Falle. Natürlich. Sie waren Lockvögel, nichts weiter. Die Gegenseite rechnete damit, er, Schmeichel würde unvorsichtig werden, aber der Killer der Killer, dieses Aas, rechnete damit, dass Schmeichel wissen würde, dass man damit rechnete, er würde unvorsichtig werden und dass er eben nicht unvorsichtig werden würde, weil er genau wusste, wie sein Widerpart dachte dass er dachte dass der andere dachte… Genug. Das verwirrte jetzt nur.
Ob ihn sein Konkurrent schon beobachtete? Nicht anzunehmen. Wahrscheinlich befand er sich im Zug, der Marxer und Kriesling-Schönefärb in die Stadt transportierte. Auch darüber nachzudenken lohnte sich nicht, es gab ein größeres Problem. Die beiden sollten ohne großes Aufsehen dahinscheiden, „wenn Sie diesen Klein und einige seiner Spießgesellen und –gesellinnen gleich mitentsorgen können, tun Sie das ruhig. Wir runden dann auch ihr Honorar großzügig auf.“ Klang doch gut. Aber eben „ohne größeres Aufsehen“, wie ein Unfall. Mit dem Wagen? Tödlicher Unfall mit Fahrerflucht? Interessierte keine Sau, war gut, aber schwer zu bewerkstelligen.
Um die Frau wäre es schade. Sah nett aus. Verdammt, denk nicht an Frauen, schalt sich Schmeichel, über diese primitive Phase des Menschseins bist du hinaus. DER ANDERE (er würde ihn fortan nur noch DEN ANDEREN nennen) galt als Purist, als ein Mann mit Prinzipien, der nur Spiegeleier aß, keine Rühreier. Hut ab, dachte Schmeichel, ich weiß es durchaus zu schätzen, wenn jemand Prinzipien hat. Zu meinen gehört, dass ich asexuell bin, nicht aus Mangel an Gelegenheit oder weil biochemische Prozesse in meinem Gehirn eine geschlechtliche Vereinigung nicht zulassen, sondern weil ich… schwer zu sagen. Weil ich es eben so will. Weil ich selbst meine Urinstinkte beherrsche, als hingen sie wie Marionetten an Fäden. Dieser Gedanke gefiel ihm.
Moritz Klein und seine Begleiterin hatten inzwischen den Bahnhof erreicht. Sie warteten an der Tür, Schmeichel drückte sich hinter eine Frittenbude, kam dann aber vor, tat so, als warte er auf jemanden, sah immer wieder auf seine Armbanduhr und Richtung Innenstadt. Sollen sie mich doch bemerken. Kennen mich doch nicht. Er checkte kurz die Lage, Rundumblick. Nein, es beobachtete ihn niemand. Er hätte es gespürt, es lag ihm im Blut zu spüren, wenn ihn jemand observierte. Aber DER ANDERE war nicht dumm. Er wusste genau, was Schmeichel dachte und er wusste, dass Schmeichel wusste was DER ANDERE dachte und so weiter. Der Zug aus Berlin würde gleich eintreffen, höchstens noch fünf Minuten. Klein und die Frau traten durch die Tür und schlenderten Richtung Bahnsteige.

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