19.03.2012 –468-

„Eine Umwälzung exorbitanten Ausmaßes, eine Revolution, neben der die französische wie ein flackerndes Streichholz angesichts des Reichstagsbrandes von 1933 abstinkt. Das wird kommen. Heulen und Zähneklappern werden anheben, was einst schwarz war, wendet sich ins Weiße und umgekehrt und überhaupt, die Meere werden sich teilen, die Wellen auf die Höhe New Yorker Zwillingstürme vor ihrer Pulverisierung ansteigen, ja, das ist unser Schicksal, Amen.“
Der Fahnenflüchtige neigte für Marxers Geschmack ein wenig zu heftig ins Schwülstig-Biblische, war doch früher nicht seine Art gewesen. Aber okay, vielleicht war die Lage wirklich so schlimm. Der Kapitalismus plante also, seine Abschaffung zu verhindern, indem er sich selbst abschaffte – um nach angemessener Trauerzeit wie der leibhaftige Messias oder dieser Phoenix aus der Asche wiederaufzuerstehen.

„Die geldlose Wirtschaft, das Tauschen von Ware gegen Ware, Arbeitskraft gegen Arbeitskraft und Ware gegen Arbeitskraft und so weiter“, explizierte der Fahnenflüchtige, „wird die Menschheit zermürben, physisch und psychisch sturmreif schießen, ihnen den Kapitalismus verklären, so wie alles verklärt wird, das nicht mehr ist, die DDR, das Testbild im Fernsehen oder die Glühbirne, und die Vision des Geldes, also des Kapitalismus wird leuchten am Firmament, so mächtig, so allgegenwärtig, dass die Hintermänner mit klingendem Spiel einziehen werden in die Trostlosigkeit. Eine neue, globale Währung, vollständig in den Händen einer kleinen Clique von Politikern und Finanzhaien, unvorstellbarer Reichtum hier, umvorstellbares Elend dort, aber die Elenden werden entzückt sein, denn lieber im Kapitalismus darben als sich im mühseligen Tauschhandel den Arsch aufreißen.“
„Hm“, kommentierte Marxer, „aber das haben wir doch jetzt alles schon, oder?“ „Ja“, gab der Fahnenflüchtige zu, „nur dreht sich die Spirale des Kapitalismus gerade abwärts, die Masse hat noch nicht genug gelitten, sie ist wütend, sie wehrt sich, sie fordert Reformen.“ Kriesling-Schönefärb seufzte. War so, kein Zweifel. „Und seit wann wissen Sie das alles?“ fragte er.
Der Fahnenflüchtige lächelte sein Schulbubenlächeln. „Erinnern Sie sich noch an den überraschenden Nacht-und-Nebel-Rücktritt jenes kleinen Finanzministers? Damals, als die Welt noch rot-grün war?“ Man erinnerte sich. Der Saarländer mit dem französischen Namen. „Damit hat alles angefangen“, fuhr der Fahnenflüchtige fort, „aber die wenigsten haben das begriffen. Erst Jahre später wurde die Absicht der Gegner klar. Und die Opposition formierte sich, über alle Parteigrenzen hinweg, über Ideologien und Religionen, über sexuelle Vorlieben und kulinarische Abneigungen. Momentan führe ich den Vorsitz, weil ich das Repräsentieren gewöhnt bin. Wir wechseln uns im jährlichen Turnus ab, der nächste Vorsitzende wird der große Gegelte aus Franken sein.“
Der vorläufig Gescheiterte? Die Vorstellung behagte weder Marxer noch Kriesling-Schönefärb, sie schwiegen indes taktvoll. Auch hatte sie die Wärme des Zimmers eingelullt, sie gähnten verstohlen, der Fahnenflüchtige nickte verständnisvoll. „Sie sind müde, Sie sollten sich ein wenig ausruhen. Wenn Sie wieder fit sind, überlegen wir, was zu tun ist. Sie befinden sich in großer Gefahr, doch was sollen wir machen? Sie verstecken? Der Killer wird sie aufspüren und eliminieren.“
Ein weiterer Grund, sich der knallharten Wirklichkeit durch eine Flucht ins Reich der Träume zu entziehen. Im Nebenraum hatte man zwei Feldbetten aufgestellt, zwei Zahnbürsten, so der Fahnenflüchtige, stünden im Badezimmer bereit, das rote Handtuch sei für Marxer, das gelbe für Kriesling-Schönefärb. Dem gefiel das. Alles war akribisch durchorganisiert, die Leute wussten, was sie taten. „Wir sehen uns dann in acht Stunden wieder“, empfahl sich der Fahnenflüchtige. Dem hatten die beiden Männer nichts zu erwidern.

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