18.03.2012 –467-

Dann, endlich war es soweit. Edgar A. Huber, der große Publizist und, nebenbei, noch größere Theoretiker des Kriminalromans und anderer populärer Verschwörungstheorien, hatte sein opulentes Mahl in „Atze’s Atzung“ beendet und dies hörbar mit einem lauten Rülpser kundgetan. Er sah hoch – und er sah uns, meine Sekretärin Annamarie Kainfeld und mich, winkte jovial und bedeutete uns, an seinen Tisch zu kommen. Was wir natürlich taten.

„Ah“, sagte Huber und betrachtete wohlgefällig Annamarie, die sofort den Saum ihres Rockes über die Knie strich. „Keine Angst, meine Liebe“, entwarnte Huber, „ich bin sexuell indifferent, was nur ein gelehrteres Wort für impotent ist. Bei drei Zentnern Lebendgewicht ist Bett- und sonstiger Sport eine reine Kopftätigkeit. Gibt’s was Neues von Marxer?“
Er fragte dies nicht lauernd, nicht einmal neugierig, eher beiläufig. Er hatte also die Maybrit-Illner-Talkshow gesehen, Marxers Ausfall und den vorzeitigen Abbruch der Sendung. „Nein“, sagte ich ergo, „Sie wissen ja, was passiert ist. Merkwürdig, dass man nichts darüber in den Zeitungen liest.“
Finde er nicht, antwortete Huber. Der Kellner brachte ihm soeben den Nachtisch, eine Portion Tiramisu, an der sich unsere Arbeitsministerin von der Leyen mitsamt Ehemann und Kinderschar hätten überfressen können. Huber begutachtete das Servierte, murmelte „Hier werden die Portionen auch immer kleiner“ und fuhr fort: „Was erwarten Sie eigentlich von einer Gesellschaft, in der jeder Hilfsschüler die Namen der Kandidaten einer Castingshow einschließlich Alter, Lebenslauf und Farbe der Notdurft herunterbeten kann, aber keine Ahnung hat, was die Finanzkrise ist? Und was erwarten Sie von einer Journaille, die genau das weiß und dito kein Interesse daran hat, ihr Publikum mit den möglicherweise wichtigen Dingen des Lebens zu stören?“
Ja, was erwartete ich? Edgar A. Huber machte sich konzentriert über sein Tiramisu her, empfahl es uns als „köstlich, köstlich“, aber halt: „Die Portionen. Früher war das zweimal so viel. Scheiß Geldentwertung.“ Womit wir beim Thema waren. „Ich habe die Ausführungen unseres gemeinsamen Freundes Marxer und seines Bekannten natürlich gehört. Man will uns das Geld wegnehmen, davon profitieren und dann das Geld wieder einführen, Währungsreform oder wie sie das nennen werden. So what? Weiß doch jeder oder ahnt es zumindest. Diese Nachricht ist in etwa so brisant wie die, Heidi Klum sei beim Aufstehen über ihre Hängebrüste gefallen und habe sich die High Heels gebrochen.“
Annamarie Kainfeld kicherte, setzte dann aber sofort die feministische Miene auf. Auch Heidi Klum war eine Frau, über Frauen machte man keine sexistischen Witze, aber der hier war gut gewesen. „Jedenfalls“, sagte ich, „sind Marxer und sein Freund jetzt verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.“
Huber verschluckte weiter sein Dessert. Bekannte zwischen zwei gewaltigen Bissen, ja, das könne er sich vorstellen. „Unser lieber Marxer, der Autor reichlich platter Kriminalromane, hat sich herabgelassen, selbst in einem mitzuspielen. In einem, der vielleicht ein bisschen weniger platt ist. Ich werde bei Gelegenheit einen Nachruf auf ihn verfassen.“
„Sie Unmensch!“ platzte es aus Annamarie heraus und ich befürchtete schon, sie werde aufspringen, Huber ohrfeigen oder ihm die Reste seines Tiramisu so im Gesicht verteilen wie dem Wirtschaftsminister neulich erst ein Stück Torte verteilt worden war. Doch sie beherrschte sich. „Bleiben Sie ganz ruhig, schöne Frau“, sagte Huber gelassen, „gewiss bin ich ein Unmensch, aber auch neugierig. Es täte mir leid, wenn den beiden etwas passiert wäre, der Fall scheint es mir wert, verfolgt zu werden. Was sind eigentlich die Hintergründe? In was genau ist Marxer da hineingeraten? Wissen Sie mehr, mein lieber Klein?“
Ich wusste mehr und erzählte es Huber in aller gebotenen Kürze, damit er nicht auf den Gedanken käme, noch einen Nachschlag zu bestellen. Tat er auch nicht. Drei Grappa zur Verdauung, danach eine Runde Espresso, „aber bitte mit den großen Keksen!“

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