16.03.2012 –465-

Es wäre eine Lüge zu behaupten, das Schicksl der beiden Verschollenen habe mich ungerührt gelassen. Schon die jammernde Nervosität meiner Sekretärin erinnerte mich in unregelmäßigen Abständen an Marxer und seinen Leidensgenossen Kriesling-Schönefärb. „Hoffentlich werden sie gut versorgt! Hoffentlich krümmt ihnen niemand ein Haar! Hoffentlich greift die Presse ein!“ So lamentierte Annamarie Kainfeld, als es auf Mittag zuging.

Von der Presse, erwiderte ich gelassen, brauche sie nichts zu erwarten. Die Trüffelschweine des investigativen Journalismus scharrten längst auf einem ergiebigeren Feld, durchforsteten die biografische Wildnis des nächsten Bundespräsidenten-Kandidaten, lechzende Zungen hingen aus druckerschwarzen Mäulern. Hätte der Herr Pastor nicht doch Dreck am Stecken? Einmal in der Sakristei geflucht, als ihm ein tapsiger Messdiener das Blut Christi (Qualitätswein von der Mosel) über die Hose geschüttet hatte? War er gar mit einem Bobbycar ungeklärter Herkunft zur Kirche gefahren, um dort eine vierzehnjährige Konfirmantin unzüchtig zu betrachten?
„Ja“, sagte Annamarie, „diese Scheißpresse, diese Arschkriechermedien, diese Heuchler und bestechlichen Bücklinge vor dem Anus der Macht!“ „Wow“, sagte ich, „Ihr Vokabular überrascht mich.“ „Tun Sie was!“ schrie mich meine Sekretärin verzweifelt an. „Sie sind doch Bundesbeauftragter für das Bürgerglück und ich bin eine Bürgerin! Ich habe einen Rechtsanspruch!“
Ich tat etwas und lud Annamarie zum Mittagessen in den nahegelegenen Nobelschuppen „Atze’s Atzung“ ein, wo hausgemachte italienische Teigwaren, ebenfalls hausgemachte Schlachtplatten und natürlich auch hausgemachte japanische Fischreisbällchen unserer harrten. „Ein voller Bauch hat die besten Ideen“, log ich, und nach dem obligatorischen „Hoffentlich ernähren die sie ausreichend!“ akzeptierte Fräulein Kainfeld, zog sich die Pumps an und wir marschierten nachdenklich zur Fütterung.
„Atze’s Atzung“ lag im vornehmen Halbdunkel flackernden Kerzenlichts, das sich später auf der Rechnung unter „authentisches Ambiente“ wiederfinden würde, Preis 15 Euro plus Trinkgeld. Zwei Kellner schranzten herbei, legten uns die Karten vor, empfahlen Aperitifs, zogen, als wir Mineralwasser bestellten hatten, empört von dannen, um sich in der Küche über die Unkultiviertheit des Gästegesindels zu beklagen. Das Studium der Speisekarte entpuppte sich als noch komplizierter als das Studium an einer deutschen Hochschule. „Können Sie was empfehlen, Chef?“ fragte mich meine überforderte Untergebene und ich antwortete sehr souverän: „Nehmen Sie einfach das Billigste, das Teuerste ist hier sowieso nur französischer Schnickschnack.“
Also bestellten wir beide Spaghetti mit Tomatensoße an gequirlter Hähnchenbrust sowie Kopfsalat im eigenen Nest. Traditionell würde es jetzt eine Stunde dauern, bis man uns das Essen vor die kampfgereiten Bestecke stellte, Zeit, uns ein wenig im Lokal umzuschauen. Es war, selbstverständlich, gut besucht, junge Investmentbanker verbrieten hier ihre Boni, noch jüngere Damen lockten mit lockerer Kleidung ältere Herren, auf seinem Stammplatz saß, nein, thronte Edgar A. Huber, seines Zeichens Autor und Publizist und Intimfeind meines Freundes Marxer.
Ich machte Annamarie diskret auf Huber aufmerksam. „Das ist der berühmte Publizist Edgar A. Huber, ein besonderer Freund von Herrn Marxer. Vielleicht nimmt er uns wahr und wir können uns nach dem Essen auf einen Absacker zu ihm setzen.“ Meine Sekretärin betrachtete den Titanen, einen drei Zentner vor sich her schleppenden Gourmant, wohlgefällig. Er hatte sich in eine Schlachtplatte vertieft und nahm seine Umgebung deshalb nicht wahr, was man verstehen kann. „Wenn er gegessen hat, hebt er den Kopf und rülpst wie ein Schwein. Dabei wird er uns bemerken.“ „Hoffentlich“, seufzte Annamarie, „ich denke immer an IHN!“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s