14.03.2012 –463-

Man hatte ihnen die Augenbinden abgenommen. Ein ganz gewöhnliches Zimmer, dessen nach dem Geschmack eines bekannten schwedischen Möbelhauses vorgenommene Einrichtung der Autor Stieg Larsson nun auf gefühlten 20 Seiten beschreiben könnte, wenn er nicht leider schon tot wäre. „Nehmen Sie doch Platz“, sagte ihr Begleiter und wies auf die zum Platznehmen vorgesehenen Möbelstücke, eine zweisitzige Couch mit Namen „Solveig“ und einen namenlosen Stuhl. Sie taten wie angeboten, nahmen auf dem Sofa Platz und warteten darauf, dass man ihnen etwas zu trinken anbieten würde. Sie fröstelten, aber das würde sich bald ändern. Es war warm im Zimmer.

„Möchten Sie etwas trinken?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand ihr Gastgeber ins Nachbarzimmer, hantierte mit Gläsernem und kehrte mit einem Tablett zurück, auf dem Cognacflasche und –schwenker ein willkommenes alkoholisches Intermezzo verhießen. Der Mann schenkte ein, teilte aus, hob sein Glas, sagte „Wohlsein“. Sie tranken. Guter Cognac, obwohl Marxer kein Experte war. Aber der hier schmeckte ihm, aber jeder andere hätte ihm jetzt ebenso gut geschmeckt.
Drei Männer in einem Raum. Der Fahrer des anderen Wagens war nirgendwo zu sehen, er musste aber wohl ebenfalls im Haus sein, denn irgendwo klingelte ein Handy, eine gedämpfte Stimme sprach. Dann ging die Tür auf, der Fahrer erschien, schielte auf den Cognac, bekam keinen angeboten. „Er kommt gleich“, sagte er, schielte noch einmal und zog sich zurück. „Aha“, sagte der andere und leerte sein Glas.
„Dürften wir erfahren, mit wem wir die Ehre haben?“ So gewählt konnte sich nur Kriesling-Schönefärb ausdrücken, der kurze Aufenthalt in Schloss Bellevue hatte Wirkung gezeigt. „Natürlich“, antwortete der Mann, „aber Sie werden verstehen, dass dabei Namen keine Rolle spielen sollten. Nennen Sie mich einfach Mister X“ – er lachte kurz – „oder wie immer Sie wollen. Seien Sie versichert, dass wir nicht vorhaben, Ihnen etwas Böses anzutun. Ganz im Gegenteil. Ich würde sagen: Wir haben Ihnen soeben das Leben gerettet. Ein Killer ist bereits auf Sie angesetzt, wie wir aus sicherer Quelle wissen, der beste, sagt man. Möchten Sie noch einen Schluck?“
Nach dieser Information wohl das Vernünftigste, was sie tun konnten. Der Alkohol wärmte angenehm. „Ihre Mäntel erhalten Sie nachher“, versprach der Mann. „Ah ja“, sagte Marxer und freute sich noch einmal, dass er seinen Geldbeutel nicht im Mantel gelassen hatte. „Und sonst? Wer sind Sie also, Mister X?“ Der Mann lachte wieder kurz. Schenkte ein, hob sein Glas, sagte wieder „Wohlsein“. „Nun, um es grob zu umschreiben: Wir sind eine Gruppe verantwortungsvoller Bürger, die es nicht hinnehmen wollen, dass diese Gesellschaft aus offensichtlich egoistischen, profitorientierten Interessen zerstört werden soll. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wovon ich rede, Sie sind im Bilde.“
Das seien sie, bestätigte Kriesling-Schönefärb. Der Mann nickte. „Wir sind die Guten, wenn Sie so wollen.“ Diesmal lachte er nicht, weder kurz noch lang. „Auch haben wir das Privileg, nicht ganz machtlos zu sein. Wir sitzen durchaus an Schaltstellen der Macht, wenngleich unsere Möglichkeiten beschränkt sind. Lassen Sie uns offen reden: Dieses Gesellschaftssystem geht vor die Hunde. Der Kapitalismus ist am Ende, kann es aber nicht zugeben. Die Besitzenden bringen ihre Vermögen in Sicherheit, ein alter Reflex veranlasst sie dazu, auch weiterhin verdienen zu wollen, sich die künftige Gesellschaft so zu schnitzen, dass auch sie vor allem als Melkkuh dienlich ist. Wir sind keine Ideologen. Nein, wer sich uns anschließt, tut dies über ideologische Grenzen hinweg, allein im Dienst der Sache. Es ist fünf vor zwölf.“
In Wirklichkeit war es schon später. Sie genehmigten sich einen dritten Cognac, lauschten in die Nacht. Es gab keine Geräusche da draußen, so kam es ihnen jedenfalls vor, bis die eines Automotors die Stille trübten. Der Mann lächelte. „Gleich werden Sie mehr erfahren. Er kommt.“

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