12.03.2012 –461-

Im Büro erwartete mich nicht nur ein frischer praller Sack Post, sondern auch meine in die Lektüre eines Taschenbuchs versunkene Sekretärin. Sie war so versunken, dass erst mein drittes, dröhnend vorgetragenes „Guten Morgen!“ bei ihr Wirkung zeigte und mit „Wenn Sie meinen“ sehr desinteressiert erwidert wurde. Annamarie Kainfeld saß mit angezogenen Beinen in ihrem Stuhl, auf ihren einbestrumpften Fußballen, die typische Lesehaltung der kultivierten Frau, eine Hand hielt das Buch, die andere hielt fünf Fingernägel bereit, an denen abwechselnd geknabbert werden konnte, wenn nicht umzublättern war, doch das war es dauernd. Keine Frage, Annamarie Kainfeld las einen Pageturner.

Ich ging in die Küche, mir Kaffee zu holen, es war keiner da. Jedenfalls keiner im trinkfertigen Zustand. Was waren das nur für gesellschaftliche Verhältnisse, wohin steuerte dieses Drecksland, wenn Frauen nicht nur einen „Weltfrauentag“ für sich reklamieren, nein, wenn sie sich auch weigern, für vorgesetzte Männer Kaffee zu kochen? Wenn sie gar aufreizend in Stühlen hocken und Bücher lesen? Was für Bücher eigentlich? Ich hatte einen Verdacht und war entschlossen, ihm nachzugehen.
Aha, ja, klar, hatte ich mir gedacht. Meine Sekretärin war im Besitz des Taschenbuchs „Der Wannenmörder und die Nutte. Ein Wannsinnskrimi aus dem echten Leben“, von keinem geringeren als meinem Freund Marxer verfasst. Ich räusperte mich, Annamarie Kainfeld sah kurz auf, sagte: „Wow, hab ich mir heut Morgen am Bahnhofskiosk zugelegt, ist echt der geile Hammer, ich kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen.“ Das merkte ich. „Sie wissen aber schon“, sagte ich mit grausamem Unterton, „dass in diesem nun ja Werk der Protagonist reihenweise Sekretärinnen auf Kopierer wirft und en passant penetriert?“ „Hammer“, reagierte meine Sekretärin mit einer so schmachtenden Verträumtheit in der Stimme, dass ich seufzend meinem Büro zueilte. Frauen! Lauthalse Überzeugungen, aber sobald die Hormone rotieren, fallen sie wieder in ihre alten Rollenklischees zurück. Nun ja, vielleicht würde sie das wenigstens daran erinnern, dass sie primär auf der Welt war, um Kaffee zu kochen.
„Sehr geehrter Herr Bundesbeauftragter! Als Inhaber eines mittelständischen Unternehmens der Schmuckindustrie bitte ich um Ihre Aufmerksamkeit für folgenden interessanten Geschäftsvorschlag. Haben Sie sich schon einmal gefragt, was das Glück ohne einen GlücksBRINGER ist? Eine schöne Kette, ein Armband, ein Intimpiercing? Sie werden feststellen: Was ist Glück, wenn es uns nicht gebracht wird? Als Inhaber eines mittelständischen Unternehmens der Schmuckindustrie bin ich in der Lage, die zur Beförderung des Glücks erforderlichen Bringer anzufertigen, in einem zeitgemäßen und dennoch geschmackvollen Design, in allen nur erdenklichen Preisklassen und für jeden individuellen Kundenwunsch. Fordern Sie mich! Um die auch für die Frau Bundeskanzlerin (grüßen Sie sie von mir bitte, wenn Sie sie wiedersehen) interessanten Synergieeffekte zu erzielen, wäre ich bereit, gegen eine angemessene Fördersumme die Produktion meiner Erzeugnisse aus Bangladesh nach Griechenland zu verlegen, sobald dort die Löhne endlich auf bangladeshischem Niveau angelangt sind, was ja nicht mehr lange dauern kann. Es versteht sich auch von selbst, dass ich Ihnen nach Beendigung Ihrer verdienstvollen Tätigkeit als Bundesbeauftragter für das Bürgerglück in meinem mittelständischen Unternehmen der Schmuckindustrrie einen gutdotierten Beratervertrag anzubieten mir erlauben würde. Bitte teilen Sie mir doch baldmöglichst mit, ob ich hoffen darf. Mit den besten und freundlichsten Grüßen Ihr Franz Xaver Stirn.“
Ich stöhnte laut auf. Annamarie Kainfeld stöhnte laut auf. Sie war, das Buch noch immer in der Rechten, unbemerkt in mein Büro getreten und sah mich mit besorgtem Blick an. „Haben Sie auch gerade an IHN gedacht? Wie es ihm jetzt wohl ergeht? Ob er genug zu essen bekommt?“ Ich stöhnte noch lauter auf.

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