11.03.2012 –460-

Der Mann hinter dem Lenkrad pfiff eine leise Melodie und sah in den Rückspiegel. „Wohin soll’s denn gehen? Malediven oder Wüste Gobi?“ „Betageuze Nebel, letzte Sonne links, kleinster bewohnbarer Planet, irgendeine Höhle dort“, antwortete Marxer. Der Mann hinter dem Lenkrad lachte. „Keine Chance. Dort sind sie auch schon, ich möchte wetten.“ „Wer?“ fragte Kriesling-Schönefärb, „DIE“, antwortete der Mann mit unbestimmter Bestimmtheit in der Stimme.

Sie fuhren durch ländliches Gebiet. Das hier war nicht mehr Berlin, mutmaßte Kriesling-Schönefärb, das war schon Brandenburg, das war Sand, das war Mark, wie lange fuhren sie eigentlich schon? Auf den Spuren Theodor Fontanes jedenfalls nicht. Eine halbe Stunde? Er hatte das Gefühl für Zeit verloren, er kam sich vor wie in einem warmen, flauschigen Kokon mitten in den Flammen der Hölle. Marxer ging es ebenso. Er sah aus dem Fenster in die Nacht, bemühte sich, an nichts zu denken, nur an das Gute. Der Mann hinter dem Lenkrad. Ein beruhigend unaufgeregter Mittfünfziger, ein Toupet trug er, also ein wenig eitel schon. Ansonsten Typ Sparkassenzweigstellenleiter. Das Gesicht kam Marxer irgendwie bekannt vor. „Sie sind nicht zufällig Wolfgang Bosbach, der CDU-Rebell? Der etwas gegen die Athen-Rettungspakete hat und damit durch jede Talkshow zwischen hier und München geschleift wird?“ Der Mann am Lenkrad hörte auf, seine leise Melodie zu pfeifen. Sagte bedächtig: „Spielt keine Rolle, wer ich bin. Sagen wir es einmal so: Ich bin einer von den Guten.“
Das war etwas, das die Bösen mit Vorliebe sagten. Dennoch glaubten Marxer und Kriesling-Schönefärb, was sie eben gehört hatten. „Zufall?“ fragte Marxer, „nö“, antwortete der Mann und begann wieder zu pfeifen. „Wir beobachten Sie schon länger, aber Ihre Nummer vorhin… nein, hätten wir Ihnen nicht zugetraut. Spontan?“ Marxer grinste. „Sehe ich etwa aus, als wäre ich ein spontaner Mensch?“ Der Mann hinter dem Lenkrad stellte das Pfeifen ein, überlegte kurz. „Nö“, sagte er dann. „Eben“, bestätigte Marxer. „Wie lange fahren wir eigentlich noch? Und wohin?“ „Dauert noch“, sagte der Fahrer. „Wir steigen gleich um. Ihnen werden die Augen verbunden und dann sind es noch 20 Minuten. Womit sich auch eine Antwort auf die Frage erübrigt, wohin wir fahren.“
Tatsächlich hielten sie hinter einem Ortsausgangsschild, dessen Schrift nicht zu lesen gewesen war. Am Straßenrand parkte ein Auto, schwarz und geräumig, ein Mann lehnte sich ans Blech und rauchte. Als die Männer ausstiegen, trat er die Kippe aus, nahm etwas aus seiner Manteltasche.
„Der Herr wird Ihnen jetzt die Augen verbinden. Das dient auch Ihrer eigenen Sicherheit, Sie sollen später einmal nicht in die Verlegenheit kommen, unter der Folter etwas über unseren Treffpunkt verraten zu können.“ Schöne Aussichten, dachten Marxer und Kriesling-Schönefärb gleichzeitig. Der zweite Mann trat hinter sie, legte ihnen die Stoffbinden um die Köpfe, es wurde stockdunkel. Man half ihnen, in den zweiten Wagen einzusteigen, Türen gingen, sie fuhren an. „Bitte versuchen Sie nicht, die Binden so zu verrücken, dass Sie etwas sehen können. Es ist, ich wiederhole mich, in Ihrem eigenen Interesse.“ Das war die Stimme des Sparkassenfilialleiters, sie kam vom Beifahrersitz.
Sie fuhren wirklich noch eine knappe Viertelstunde. Dann bremste der Wagen langsam ab, hielt, der Motor wurde ausgeschaltet. Das hier ist plattes Land, sagte sich Kriesling-Schönefärb, ich rieche das. Nicht Misthaufen, aber… Es herrschte das, was er am ehesten Totenstille genannt hätte, das jedoch verkniff er sich in dieser Situation. Die Türen wurden geöffnet, man ergriff die Männer an ihren Oberarmen, drückte ihre Köpfe nach unten, „Achtung, nicht anstoßen“. Sehr fürsorglich, das stimmte optimistisch. Sie liefen auf Kies, jedenfalls knirschte es unter ihren Füßen. Ein Geräusch wie von einem schlecht geölten Gartentor.

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