09.03.2012 –458-

Alles war sehr schnell gegangen. Die Kameras aus, das Licht aus, das Publikum murrend, der Regisseur hektisch, seine Assistentin mit roten Stresspickeln im Gesicht. Geißler hatte sich erhoben und Frau Hamm-Brücher galant geholfen, sich selbst zu erheben. Jemand, unbekannt, stand hinter ihm, beugte sich an sein Ohr, flüsterte: „Sie sollten besser verschwinden.“ Aha. Klar, sah er genauso. Blickkontakt mit Kriesling-Schönefärb aufnehmen, der seltsam entrückt wirkte, ruhig, ja, mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht. Ihm zunicken. Abhauen. Kriesling-Schönefärb grinste noch mehr, nickte dann aber. Genau. Abhauen.

Marxer drückte sich an Frau Illner vorbei, die ihn ignorierte. Sich bei ihr entschuldigen? Okay, er hatte ihre Sendung geschmissen. Einerseits. Andererseits: Diese Show würde in die Fernsehgeschichte eingehen. Frau Illner sah in das murrende Publikum, das noch keine Anstalten machte sich zu erheben. „Meine Damen und Herren, wegen eines technischen Totalausfalls müssen wir die Sendung leider abbrechen. Im Foyer wartet ein kalt-warmes Buffet auf sie.“ Vereinzelter Applaus, das Murren ebbte ab.
Jemand hatte ihn am Arm ergriffen, hinwenden, es war Kriesling-Schönefärb. „Ich glaube, wir sollten jetzt besser gehen.“ Sie gingen. Drückten sich durch die hinausströmenden Menschen, bogen nach links ab, Notausgang. Hinter ihnen rief jemand den Namen Marxer, sie beschleunigten ihre Schritte. Weg aus der Menge. An den weitläufigen Toilettenanlagen vorbei, endlich so etwas wie Stille, der Lärm gedämpft. „Hier geht’s raus“, sagte Kriesling-Schönefärb.
In der kalten, nicht ganz schwarzen Nacht. Ja, verdammt, sie hatten ihre Mäntel drinnen vergessen, fingen sofort an zu frösteln. Sie mussten ins Warme, laufen war nicht. Gott sei Dank, Marxer hatte seinen Geldbeutel in der Hosentasche, wo er schön zweideutig ausbeulte. Nur gut, dass er den Fernsehfritzen nicht getraut hatte. Wer Castingshows veranstaltet, der fischt auch Geldbeutel aus anderer Leute Mäntel.
„Ich glaube, wir müssen jetzt in diese Richtung“, glaubte Kriesling-Schönefärb. „Dort wo die nächste Hauptstraße ist, dort gibt es Taxis oder Ubahn oder Sbahn. Wir fahren am besten zu mir.“ Gute Idee? Wenn man uns sucht, dann zuerst bei ihm oder in meinem Hotel. Er hatte 300 Euro dabei und seine Kreditkarte, also am besten in ein anderes Hotel einchecken, wo der Nachtportier nicht vor dem Fernseher gehangen und sich Maybrit Illner angeguckt hatte. Gab es ein solches Hotel überhaupt? Spielte jetzt keine Rolle, musste versucht werden. Und wo war das nächste Hotel?
Sie schlichen über den Weg hinter dem Studio durch eine Art Park. Trotz der Kälte schwitzten sie, ihnen lief die Fernsehschminke von den Wangen, die Augen tränten. War jemand hinter ihnen her? Rasch umschauen – nein.
Endlich an der Hauptstraße, Menschen, Autos, Lichter. „Ich glaube, da vorne ist ein Taxistand“, glaubte Kriesling-Schönefärb schon wieder. Marxer nickte zerstreut. Er wischte sich die Schminke aus dem Gesicht, musste grässlich aussehen, damit fiel man auf und auffallen durften sie nicht.
Nein, netter Versuch, aber kein Taxistand.Viel zu viele Menschen, manche guckten auch schon so blöd. Weil sie schwitzten und keine Mäntel anhatten, wie passte denn das zusammen. „Ich glaube…“ „Okay“, winkte Marxer ab, „wir sollten weniger glauben, wir sollten endlich von dieser scheiß Straße hier wegkommen.“ Sie sahen sich um. Neben ihnen hielt ein Auto, ein großes und schwarzes Auto. Eine Fensterscheibe kurbelte sich hinunter, ein Gesicht wurde in die Luft gehalten, eine Stimme sagte: „Steigen Sie ein. Die sind schon hinter Ihnen her.“ Ha ha, dachte Marxer, ich bin zwar blöd, aber so blöd nicht. Da war Kriesling-Schönefärb schon halb im Wagen. Blöder Hund, dachte Marxer und stieg ebenfalls ein.

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