08.03.2012 –457-

Mit Hermine bäuchlings auf dem Bett zu liegen, hat in der Regel das, was der Wissenschaftler eine sexuelle Konnotation nennt. In Ordnung, meistens liegen wir dabei nicht BEIDE bäuchlings, aus rein technischen Gründen. Nun aber waren es genau diese technischen Gründe, die uns dazu zwangen, denn vor uns auf dem Bett stand ein Laptop und flimmerte träge in die Nacht. Hermines Mittelfinger hatte die Herrschaft an sich gerissen und streichelte das Touchpad.

Aber wohin wir auch auf unserer wirren Reise durch das digitale Universum gerieten, über die Ereignisse während der Talkshow herrschte tiefstes Schweigen. Gut, es war spät, es war Nacht, normale Menschen schliefen. Aber Blogger doch nicht! Twitterer ebenso wenig und auf Facebook gibt es bekanntlich auch keinen Feierabend. Es war also seltsam, dass man Marxers Ausfall und Kriesling-Schönefärbs beherrschte Erläuterung ignorierte, selbst der abrupte Abbruch der Sendung war nirgendwo ein Thema.
„Ich glaube sowieso, das Internet ist ein einziges Fake. Da sitzt einer und kontrolliert, was rein darf und was nicht, wahrscheinlich gibt es eine ganze Dienststelle, in der Hunderte oder Tausende von Mitarbeitern als „Blogger“ und so arbeiten, jeder mit vielen Pseudonymen und dann hauen die das Internet voll. Und was sie unterdrücken wollen, das unterdrücken sie und was sie nicht unterdrücken können, das kaufen sie oder sie löschen es einfach. Wäre doch logisch, oder?“
Dem konnte ich nichts Gescheites erwidern. War wirklich merkwürdig. Als gäbe es einen Filter im Netz oder ein geheimes Übereinkommen. Auch über die Ereignisse auf Island las man nichts mehr, die spürbare Verknappung von Münzgeld schien man nicht wahrzunehmen. Nur Jonas und seine beiden Damen hatten sich lauthals darüber beklagt, dass es immer schwieriger werde, Ein-Euro-Münzen für die Spielautomaten zu kriegen, in den Spielotheken hätten sie den Stoff sogar schon rationiert.
Wir fuhren den Rechner runter und ich erwartete nun, dass etwas anderes hochgefahren werden würde. Ich sah mich getäuscht. „Mann, bin ich müde“, sagte Hermine und gab mir einen Kuss, bevor sie das Licht löschte und sich auf die Seite drehte. Wir hatten noch in der „Bauernschenke“ versucht, Marxer telefonisch zu erreichen, ohne Erfolg allerdings. Nicht einmal die Mailbox war angesprungen. „Hui“, hatte Oxana kommentiert, „ich wünsch ihm ja schon, dass er mal so richtig in die Scheiße rutscht, aber diese Nummer könnte härter werden. Wahrscheinlich haben sie die Jungs schon abgeräumt.“ Sonja Weber hatte sofort einen tiefen Seufzer hören lassen und auch Annamarie Kainfeld schien die Vorstellung, ihr Held Marxer befinde sich in den brutalen Händen gewissenloser Folterer, wenig zu behagen.
„Wieso gehst du nicht mal an die Öffentlichkeit?“ fragte Hermine von ihrer Seite des Bettes aus, „Du bist doch Bundesbeauftragter für Bürgerglück, du könntest doch mal…“ Hatte ich mir auch schon überlegt, nur wie? Es dürfte kaum im Interesse meiner Vorgesetzten liegen, wenn ich mich öffentlich zu Wort melden würde. Und so wie die Dinge sich gaben, besaßen sie unbegrenzte Macht, sogar über das Internet und die Printmedien, die ganzen Radio- und Fernsehfuzzis sowieso. „Mal sehen“, antwortete ich vage und Hermine grunzte.
Kurz darauf schnarchte sie, was mir das Einschlafen noch schwieriger machte. In mir dachte es. Alle Fäden der Handlung waren entweder heillos verknotet oder hingen lose herum. Marxer und Kriesling-Schönefärb hatten den Fehdehandschuh geworfen, man erwartete, dass ich es ihnen gleichtun würde. Sollte ich? Eine Frage der Taktik. Ich würde mich mit den anderen absprechen müssen, aber ich wusste selbst noch nicht, was das Richtige sein würde und was falsch.
Beste Lösung jetzt: schlafen. Hermine schickte die Wärme ihres entschlummerten Körpers nebst ein paar störenden Tönen zu mir herüber, ich kuschelte mich an ihren Rücken, hielt mich an den üblichen Stellen mit den Händen fest. Schlafen. Nicht mehr nachdenken.

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