07.03.2012 –456-

„Vier, fünf, sechs, mein Schäferhund heißt Rex.“ Wie war er jetzt auf diesen Spruch gekommen? Egal. Abschütteln, wegpacken, Hände waschen, wieder raus. Seltsamer Abend. Plötzlich war das Testbild erschienen. Ja, das Testbild! Er hatte gar nicht gewusst, dass es überhaupt noch ein Testbild gab im Fernsehen, davon gehört hatte er wohl, von seinen Eltern oder Großeltern, keine Ahnung mehr. Ein Testbild! Dann eine Schrifttafel. „Wegen einer technischen Störung ist die Sendung gerade technisch gestört.“ Dazu dezente Musik, Fahrstuhlgedudel. Schließlich, drei Minuten später, eine Stimme aus dem Off. „Wegen einer technischen Störung kann die Talkshow von Maybrit Illner nicht weiter übertragen werden. Bis zum Beginn der nächsten Sendung unterhalten wir sie mit Impressionen einer Zugfahrt von Ravensburg bis Osterrode.“ Und schon war eine alte Dampflokomotive in einen Tunnel eingefahren.

„Zensur!“ schrie es unisono und auch der Mann stellte überrascht fest, dass er verärgert war. Endlich einmal spannendes Fernsehen und dann so was. Die bleiche Frau – sah nicht schlecht aus, war aber nicht sein Fall – stöhnte auf, aber das hatte sie schon getan, als dieser Typ aus dem Bundespräsidialamt zu besprechen begonnen hatte. Die neben ihr, wohl Russin, ihrem Akzent nach, tätschelte ihr tröstend den Hinterkopf. Und dieser Bundesbeauftragte sagte die ganze Zeit „tja“. Neben ihm eine Frau, die ihn „Chef“ nannte und die bei der wirren Rede des Krimiautors Marxer ständig „cooler Typ“ ausgerufen hatte, was alle Anwesenden höchst überraschte, denn wo war dieser Typ cool, der war doch geradezu das Musterbeispiel von Uncoolness.
Während die Dampflokomotiven über den Bildschirm fuhren, diskutierte man in der „Bauernschenke“ hitzig über den denkwürdigen Auftritt der beiden Genossen. „Marxer war total anarchistisch, finde ich“; urteilte der kleine Borsig. „Von einem Mann des Wortes hätte ich was Strukturiertes erwartet“, moserte dieser Klein, was ihm sofort einen bösen Blick seiner Nebenfrau und Sekretärin einbrachte. „Die hätten ihn doch gar nicht zu Wort kommen lassen, die hätten ihn doch abgewürgt, wenn er nicht mit vollem Karacho…“ „Genau“, pflichtete Hermine bei und teilte das Bier aus. Vom Rentnertisch wurden vereinzelte Kommentare in die Runde geworfen, „ja ja, das ZDF, typisch Rentnerfernsehen, für wie betüddelt halten die uns denn!“
Lass sie reden, dachte sich der Mann. Es war an der Zeit, diesen Ort hier zu verlassen. Er war sich noch nicht ganz im Klaren, wie es nun weitergehen sollte. Jedenfalls: Die Leute hier waren gefährlich, sie wussten entschieden zu viel. Er hasste das. Gewalt. Bestechlich schienen die nämlich nicht zu sein, würde auch zu viele Komplikationen geben. Oder waren sie erpressbar? Würde er rauskriegen. Er stellte Blickkontakt zur Bedienung her und kramte einen Zwanziger aus dem Geldbeutel.

*

Der Bundeskanzlerin waren die hochgelegten Füße vom Couchtisch gerutscht. Als gelernte Physikerin wusste sie, dass das etwas mit Schwerkraft zu tun hatte. Brachte sie jetzt aber auch nicht viel weiter. Ein Desaster, sie musste handeln. Eigentlich hieß bei ihr handeln nicht handeln, aber hier wäre nicht handeln handeln oder so etwas. Hatte mit Physik jetzt nichts zu tun.
Zum Handy greifen. Nee, wer war sie denn. Man sollte SIE anrufen! Hatten doch alle diesen Auftritt gesehen, mussten sich halt was einfallen lassen. Die Kanzlerin machte den Fernseher aus, leerte das Bierglas, schüttete sich das letzte Knabberzeug in die Hohlhand. Gegen diese Geschichte war die Eurokrise ein Grimmsches Märchen.

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